(Un-)Schaffbar? - 25.4.2026
Professor Peter Kruse, ein Psychologe, hat einmal gesagt, dass man sich für komplexe Probleme nur Rat bei Menschen holen soll, die „an der Grenze zur Überforderung arbeiten“. Da Kruse selbst schon 10 Jahre tot ist, merkt man, dass das kein Zeitgeist ist, sondern ein grundsätzlicher Ratschlag. „An der Grenze zur Überforderung“ zu sein, ist keine ganz klare Definition, da das ein schmaler Pfad ist.
Die Menschen, die viele Schicksalsschläge in kurzer Zeit verkraften mussten, fragen sich auch mit einigem Abstand: Wie habe ich das nur geschafft? Die Eltern von Drillingen: Wie haben wir das hinbekommen? Und die, die zwischen Arbeit und Ehrenamt pendeln, wie zwischen zwei Berufen, bekommen mal bewundernd, mal sarkastisch die Frage Wie kriegst Du das nur hin?
Was ist schaffbar und was ist unschaffbar? Zunächst einmal wissen wir aus der Forschung, dass Menschen viel mehr verkraften, als sie denken. Wer denkt, er oder sie kann nicht mehr, kann sehr wohl noch mehr. Sicherlich nicht auf Dauer, aber doch für eine vorübergehende Zeit. Sonst geht es auf die Gesundheit – entweder körperlich oder seelisch. Dann ist das Fass sprichwörtlich übergelaufen und Körper und Geist wehren sich und wir kommen in Bereiche rein, die sich Burnout nennen.
Bis dahin geht aber eine ganze Menge. Und die Menschen, die es wirklich schaffen, knapp unter der Grenze der Überforderung zu bleiben, die wissen, wie man schwierige Situationen meistert. Sie sind gute Ratgeber, wie Peter Kruse meinte. Von ihnen kann man lernen, wie man den Alltag meistert, obwohl der nur 24 Stunden hat oder wie man die Aufgaben bewältigt, obwohl die Zahl der Hände bei zwei bleibt.
In der Bibel findet sich ein Buch über einen Mann, der sehr viel Last abbekommt und Übermenschliches ertragen muss: Hiob. Seinen Umgang mit schlechten und damit belastenden Nachrichten hat unsere Kultur so stark geprägt, dass selbst Menschen, die keine Beziehung zur Bibel haben, diesen Begriff kennen: Die Hiobsbotschaft.
Jörg Mecke, Prädikant im Kirchenkreis Neustadt-Wunstorf
Sie schlägt die Augen auf. Wie schön ist es, von einem warmen Sonnenstrahl im Gesicht geweckt zu werden. Kräftig streckt sie ihre Arme und Beine in alle Richtungen. Die Ruhe der Nacht hat gut getan und sie für eine kurze Zeit ihre Sorgen vergessen lassen. Endlich konnte sie mal wieder eine ganze Nacht durchschlafen. Sie schlägt die Bettdecke zurück, setzt sich auf und seufzt. Auf einmal werden ihre Glieder schwer wie Blei. Ach, lohnt es sich überhaupt aufzustehen? Seit fast einem Jahr ist sie auf der Suche nach einem neuen Arbeitsplatz. Aber immer ist es das Gleiche. Auf ihre Bewerbung bekommt sie nur Absagen. Langsam verlässt sie der Mut. „Wird es mir überhaupt noch gelingen, wieder in die Arbeitswelt zu finden?“. Auf dem Weg ins Bad sieht sie noch einmal den Sonnenstrahl, der auf ihrer Bettdecke liegt. Sie lächelt. Wie fröhlich die kleinen Staubkörner in dem Licht tanzen. Im Badezimmer ist es kalt. Sie stellt die Heizung an. Zum Glück wird das Wasser in der Dusche schnell warm. Mit geschlossen Augen hält sie ihr Gesicht in den Wasserstrahl. „Es geht immer weiter“ hat ihre Oma immer zu ihr gesagt, wenn sie glaubte, die langen Schulwochen und die vielen Klassenarbeiten nicht zu schaffen. „Es geht immer weiter,“ spricht sie nun leise in den Wasserstahl hinein. Ihre Oma war eine Frau mit einem festen Glauben. Es faszinierte sie immer, wenn sie hörte, wie schwer ihre Oma es in ihrem Leben gehabt hat und wie stark sie der Glaube an Gott gemacht hat. Sie stellt das Wasser ab, greift nach ihrem Bademantel wickelt sich fest in den Frottierstoff ein. Auf dem Weg in die Küche zieht sie die Zeitung aus dem Postschlitz an der Tür. Als sie die Beilage der Zeitung herausnimmt, fällt eine Postkarte heraus. „Gott nahe zu sein ist mein Glück,“ liest sie halblaut. Sie lächelt und denkt wieder an ihre Oma. „Ja, Gott nahe zu sein ist mein Glück und es geht immer weiter.“ Gott sei Dank!