
Am Ostersonntag war sie noch einmal da, wo sie hingehört: an der Orgel. Im Stift, im Gottesdienst, im Klang. Dann war zumindest in offizieller Funktion Schluss. Nach mehr als 20 Jahren als Kirchenkreis- und Stiftskantorin im Kirchenkreis Neustadt-Wunstorf verabschiedete sich Claudia Wortmann. Still war das nicht. Eher das Gegenteil.
Wer mit ihr zu tun hatte, erinnert sich selten zuerst an Programme oder Termine. Es sind die Begegnungen. Die offenen Türen. Die Selbstverständlichkeit, mit der sie sich Zugang zu Instrumenten verschafft hat – nicht technisch, sondern menschlich. Freundlichkeit, Entgegenkommen, Vertrauen. Das sind auch die Begriffe, die fallen, wenn sie selbst auf ihre Zeit zurückblickt.
Und dann natürlich: die Orgeln.
Der Kirchenkreis hat viele davon. Große, kleine, alte, junge. Einige sind echte historische Substanz, gebaut für Räume, die anders atmen als heutige. Für Wortmann waren diese Instrumente nie Kulisse. Sie waren Arbeitsraum, Lernort, Gesprächspartner. „Lehrmeisterinnen“, nennt sie sie in einem letzten Schreiben nach ihrer Verabschiedung.
Mit ihren Orgelschülerinnen und Orgelschülern ist sie durch den Kirchenkreis gefahren, hat Instrumente erschlossen, ausprobiert, hörbar gemacht. Exkursionen, Abendmusiken, Übezeiten – immer verbunden mit einem klaren Gedanken: „Diese Instrumente gehören nicht ins Abseits. Sie müssen gespielt werden. Nur dann bleiben sie lebendig“, sagt Wortmann. „Orgeln sind kein Inventar. Sie sind Teil der Verkündigung. Sie tragen den Gemeindegesang, und der ist mehr als musikalische Begleitung. Er ist Inhalt. Haltung. Glaube in Klangform.
Wer das ernst nimmt, kommt an einem Punkt nicht vorbei: Nachwuchs.
Wortmann sagte das noch einmal ohne Umweg. „Orgeln bleiben nur dann lebendig, wenn es Menschen gibt, die sie spielen können. Und diese Menschen entstehen nicht von allein. Sie werden ausgebildet. Begleitet. Gefördert. Dafür braucht es hauptamtliche Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker, die genau das tun“, sagt sie.
Sonst werde es still. Für Wortmann ist das kein rhetorischer Satz. Es ist eine nüchterne Perspektive.
Der Kirchenkreis verliert mit Claudia Wortmann nicht nur eine erfahrene Kantorin. Er verliert eine, die Strukturen mitgedacht hat. Die wusste, dass musikalische Qualität nicht aus dem Moment entsteht, sondern aus kontinuierlicher Arbeit im Hintergrund. Aus Unterricht, aus Förderung, aus Präsenz.
Was bleibt, ist mehr als Erinnerung. Es ist eine Spur. In den Instrumenten. In den Menschen, die sie ausgebildet hat. Und in einem Satz, der sich nicht wegdiskutieren lässt:
„Passt auf eure Orgeln auf. Und auf die, die sie spielen“, wünscht sie sich für die Zukunft.