Haben Sie in der letzten Zeit auch viele Stunden vor dem Fernseher verbracht. Als Kinder hätte man uns wohl ausgeschimpft mit den Worten: Davon bekommst du ganz viereckige Augen. Wir Älteren gehören trotz aller technischer Errungenschaften nicht zur Handygeneration und unsere Eltern schon gar nicht. Was hätten sie wohl gesagt, wenn wir Stunde um Stunde am Bildschirm eines kleinen tragbaren Telefons verbracht hätten. Dazu mit Inhalten, die an Tonfülle und Schrillheit kaum zu übertreffen sind und dazu nachweislich auch so etwas wie dumm im Kopf machen. Da sind doch die viereckigen Augen nichts. Vor allem, wenn es darum geht, Olympia zu schauen. Die Winterspiele im norditalienischen Cortina d’Ampezzo. Mit dem Motorrad war ich schon einmal da. Ich muss sagen, dass mir damals die sommerlichen Temperaturen mehr zusagten als die winterliche Kälte. Auch kommt die Landschaft in Farbe besser zur Deutung als im schlichten Weiß. Trotzdem ein schöner Ort, sommers wie winters, inmitten der Berge. Und es ist Olympiade. Bereits in der Antike waren die Spiele ein Grund, über ihre Dauer die Waffen schweigen zu lassen.
Sport hat seine ganz eigenen Wettkampfregeln und seine Fairness. Das kann man vom Krieg nicht behaupten. Seine ersten Opfer sind Unschuld und Wahrheit. Und dann? – Ein ukrainischer Athlet gedenkt seiner gefallenen Sportsfreunde indem er ihre Fotos auf seinem Helm trägt. Ihnen ist es nicht mehr vergönnt an den Spielen teilzunehmen. Darüber kann man denken, wie man möchte, doch die Geräusche, Gerüche und Bilder des Krieges werden wir nicht los, selbst wenn Ruhe einkehrt. Wenn es still wird, werden die Gedanken am lautesten, und Trauer verschwindet nicht auf Befehl. Gewiss, Neutralität und Frieden sollen herrschen, damit die Spiele gelingen. Doch welche Opfer sind wir bereit für so eine Herrschaft zu bringen?
Die Welt dreht sich weiter und mit ihr die Zeiger der Uhr. An diesem Wochenende beginnt die Passionszeit. Ein Abschnitt des Jahres, der, auch wenn man nicht christlich ist, für unsere Psyche eine tiefe Bedeutung hat. Wir sind nicht allein mit unseren Fehlern und Schwächen, mit unseren Ohnmächten und unserer Wut. Da war und ist einer, der mit uns die Tiefen des Lebens mit ausgelotet hat. Einer, der wusste, dass politische Korrektheit nicht alles ist, und wenn andere rufen „Frieden, Frieden“ noch lange kein Frieden sein muss. Er, der erschienen ist, dass er die Werke des Teufels zerstöre. Vielleicht mögen Sie sich ja auf diese Zeit einlassen, so wie auf Olympia.
Ihnen ein schönes Wochenende.
Holger Kipp, Prädikant im Kirchenkreis