Sie schlägt die Augen auf. Wie schön ist es, von einem warmen Sonnenstrahl im Gesicht geweckt zu werden. Kräftig streckt sie ihre Arme und Beine in alle Richtungen. Die Ruhe der Nacht hat gut getan und sie für eine kurze Zeit ihre Sorgen vergessen lassen. Endlich konnte sie mal wieder eine ganze Nacht durchschlafen. Sie schlägt die Bettdecke zurück, setzt sich auf und seufzt. Auf einmal werden ihre Glieder schwer wie Blei. Ach, lohnt es sich überhaupt aufzustehen? Seit fast einem Jahr ist sie auf der Suche nach einem neuen Arbeitsplatz. Aber immer ist es das Gleiche. Auf ihre Bewerbung bekommt sie nur Absagen. Langsam verlässt sie der Mut. „Wird es mir überhaupt noch gelingen, wieder in die Arbeitswelt zu finden?“. Auf dem Weg ins Bad sieht sie noch einmal den Sonnenstrahl, der auf ihrer Bettdecke liegt. Sie lächelt. Wie fröhlich die kleinen Staubkörner in dem Licht tanzen. Im Badezimmer ist es kalt. Sie stellt die Heizung an. Zum Glück wird das Wasser in der Dusche schnell warm. Mit geschlossen Augen hält sie ihr Gesicht in den Wasserstrahl. „Es geht immer weiter“ hat ihre Oma immer zu ihr gesagt, wenn sie glaubte, die langen Schulwochen und die vielen Klassenarbeiten nicht zu schaffen. „Es geht immer weiter,“ spricht sie nun leise in den Wasserstahl hinein. Ihre Oma war eine Frau mit einem festen Glauben. Es faszinierte sie immer, wenn sie hörte, wie schwer ihre Oma es in ihrem Leben gehabt hat und wie stark sie der Glaube an Gott gemacht hat. Sie stellt das Wasser ab, greift nach ihrem Bademantel wickelt sich fest in den Frottierstoff ein. Auf dem Weg in die Küche zieht sie die Zeitung aus dem Postschlitz an der Tür. Als sie die Beilage der Zeitung herausnimmt, fällt eine Postkarte heraus. „Gott nahe zu sein ist mein Glück,“ liest sie halblaut. Sie lächelt und denkt wieder an ihre Oma. „Ja, Gott nahe zu sein ist mein Glück und es geht immer weiter.“ Gott sei Dank!
Pastorin Birgit Lang