„Verantwortung ist jetzt“ titelt eine lesenswerte Kolumne vom vergangenen Montag. Ein Kollege hat sie anlässlich des Holocaust-Gedenktages veröffentlicht. Er erinnert daran, dass die Verbrechen der Nationalsozialisten gegenüber Jüdinnen und Juden nicht erst mit Zwangsenteignung und der Organisation von Deportation und Ermordung von Millionen von Menschen begonnen haben, sondern bereits damit, die Gesellschaft in „Wir“ und „Die“ zu spalten. „Es fing damit an, dass „die“ schuld daran sind, dass es „uns“ schlecht geht“, so schreibt mein Kollege. Ich muss diesen Satz hier zitieren, weil er so entwaffnend einfach formuliert und dabei so scharf beobachtet ist.
Die Schuld auf andere zu schieben, um für sich das Beste rauszuholen, kenne ich. Jeder, der mit Geschwistern aufgewachsen ist, wird das kennen. Doch in der Kindheit sind immer noch die Eltern da, um nicht den einen zum Sündenbock zu erklären und den anderen zu bevorzugen.
Wie kann es einer Gesellschaft gelingen, auf Sündenböcke, auf „Wir“ und „Die“ zu verzichten? Wie kann ein Präsident oder eine Regierung selbst (mit-)verschuldete falsche Wege korrigieren, ohne ein Feindbild zu bemühen?
Auch da geht es darum, Verantwortung nicht abzuladen, sondern zu übernehmen.
Zugegeben: Immer undurchsichtiger werden die wirtschaftlichen Verstrickungen, immer größer die Zusammenhänge, sodass die Verschuldung an Unrecht schwer aufzudröseln scheint.
Umso wichtiger ist es jedoch, die eigene Haltung zu hinterfragen: Wälze ich das Problem ab oder gehe ich es an? Auch im Persönlichen: Sind wirklich „die“ schuld daran, dass es „uns“ schlecht geht? Führt es nicht vielmehr weiter, wenn „ich“ meine Verantwortung erkenne und wahrnehme? In meinem täglichen Tun und Verweigern, im Reden und Schweigen kann ich Verantwortung übernehmen. Zugegeben: Das ist nicht immer bequem. Aber ich, du, wir sind nicht allein auf diesem Weg!
Ihre Pastorin Susanne von Stemm, Bokeloh