Wer zum Schwert greift… - 30.7.16

Mehrere Gewalttaten haben unser Land in den vergangenen Wochen erschüttert. In München hat ein einzelner, kranker Mann eine ganze Großstadt lahm gelegt. Die Sicherheitskräfte haben mit einem Großaufgebot reagiert und innerhalb weniger Stunden nicht nur die eigentliche Bedrohung sondern auch die Gerüchteküche in den Griff bekommen. Danke! Das weckt Vertrauen. Dennoch: Die Angst vor Gewalt und Terror ist vielen geblieben. Beeindruckt hat mich die große Hilfsbereitschaft der Anlieger. An vielen Stellen öffneten sich Wohnungstüren, um wildfremden Menschen einen Zufluchtsort zu verschaffen.

Nun wird darüber gesprochen, wie man solche Vorfälle verhindern kann. Noch mehr Überwachung, noch mehr Polizeipräsenz würden das zerstören, was sie bewahren sollen. Wir würden damit unsere freiheitliche Gesellschaft preisgeben.

Als Christen haben wir einen anderen Umgang miteinander gelernt. Trotz aller Fehlerhaftigkeit fordert Gott uns auf, vertrauensvoll aufeinander zuzugehen. In München ist das mit den offenen Türen geschehen, in Norwegen vor fünf Jahren mit dem Apell als Gesellschaft noch freier, noch demokratischer zu werden.

Jesus lehrt: Wer zum Schwert greift, wird durch das Schwert umkommen. Gewalt erzeugt nur neue Gewalt. Diesen Kreislauf können wir zurzeit in der Türkei beobachten.

Angemessen wäre es, endlich Produktion, Verbreitung und Besitz von Waffen zu reduzieren. Auch damit werden sich Kriminelle und verwirrte Einzeltäter nicht aufhalten lassen. Aber eine Grundhaltung der Nächstenliebe und des Vertrauens macht unsere Gesellschaft stärker. Wer Angst schürt, erhöht die Unsicherheit. Letztlich fördert das unbesonnene Reaktionen. Ich bin vor Jahren in Israel in ein fröhliches Volksfest geraten. Bei Feuerwerk und gegenseitigem Abschlagen mit Luftballons wurde in der Altstadt von Jerusalem viel gelacht. Am nächsten Morgen sind mir dann im Hotel übernächtigte Mitreisende begegnet, die die ganze Nacht nicht geschlafen haben, weil sie die Vorhänge zugezogen und das Feuerwerk für einen Angriff gehalten haben. Vertrauen ist nicht risikofrei - aber es ist Kern unserer Kultur.

Thomas Gleitz, Pastor an der Stiftskirche Wunstorf