Fünf Euro für ein Halleluja - 1.9.18

Wie viel mag ein Straßenmusiker am Tag einnehmen? Dazu müssen unterschiedliche Kriterien bedacht werden. Wo ist der Auftrittsort? Wenn der Musiker klug ist, wählt er einen Standort, an dem viele Menschen vorbeikommen, wobei vorbei kommen nicht reicht: sie müssen schon in der Lage sein, das Gehörte zu erfassen.  Sicher kommt es auch auf das Auftreten an: Ist jemand nett anzusehen, findet er oder sie bestimmt schneller einen geneigten gebefreudigen Zuhörer. In den USA hatte das weltweit renommierte Mitglied eines Sinfonieorchesters den Versuch gewagt, auf der Straße zu spielen, genauer, in einer U-Bahnstation.  Er, der als Solist Stargagen verlangen konnte, hatte am Abend nicht genug für das tägliche Brot eingenommen. Ein weiterer Faktor für einen Auftritt auf der Straße ist das Repertoire des Sängers oder der Sängerin. Vormittags ist es bestimmt gut, anregende Rhythmen zu Gehör zu bringen. In der Mittagspause vielleicht etwas Beruhigendes. Und am Abend könnte die Musik wohl eher auf die bevorstehende Schlafenszeit einstimmen.

Wann ist wohl das größte Einkommen zu erwarten? Ich glaube, am späten Nachmittag bis in die Abendstunden hinein. Das Tagewerk ist im Allgemeinen vollbracht. Die Passanten hasten nicht mehr ganz so eilig, man bereitet sich auf den Feierabend vor.  Und plötzlich nimmt man einen Fetzen eines bekannten Liedes wahr, noch bevor man den Interpreten gesehen hat. Halleluja – Lobt den Herrn! Einmal nicht in der Kirche, in heiligen Räumen, nein, öffentlich auf der Straße.  In dieses Halleluja, von Leonhard Cohen geschrieben und hier und jetzt von jemand ganz Unbekanntem gesungen, kann ich einstimmen. Ich wünsche es mir noch einmal.  Halleluja, ein Arbeitstag liegt hinter mir. Halleluja, mir geht es gut. Halleluja, ich bin reich beschenkt von meinem Schöpfer. Und mit fünf Euro in den Hut ist das Halleluja bei weitem nicht genügend bezahlt.

Prädikantin Helga Kaiser, Bokeloh