Seit mehreren Jahren lädt die Kirchengemeinde in Hagen rund um den Internationalen Tag der Demokratie am 15. September zum Demokratiegottesdienst ein. Als politische Gastredner waren unter anderem der Parlamentarische Staatssekretär Hendrik Hoppenstedt und die damalige niedersächsische Europaministerin Wiebke Osigus zu Gast.
2026 sprach Bundespräsident a. D. Christian Wulff in der Jakobuskirche.
Der Altbundespräsident warnt im Demokratiegottesdienst in Hagen vor gesellschaftlicher Spaltung und Angriffen auf demokratische Institutionen. Im Gespräch mit Jugendlichen fordert er mehr Gehör für die junge Generation – und zeigt sich offen für ein Wahlalter ab 16 Jahren bei Bundestagswahlen.
Eine volle Jakobuskirche, ein früherer Bundespräsident und Jugendliche, die mit ihren Fragen direkt auf die politischen Konflikte der Gegenwart zielen: Beim Demokratiegottesdienst am Sonntag, 13. September, in Hagen sprach Christian Wulff über gesellschaftlichen Zusammenhalt, Populismus, soziale Medien und die Verantwortung jedes Einzelnen für die Demokratie.
„Die jetzt Handelnden, die jetzt Verantwortlichen haben die große Aufgabe, den Zusammenhalt unseres Landes zu sichern, dass wir uns nicht spalten, auseinanderdriften, gegenseitig in Stellung bringen lassen“, sagte Wulff. Diese Aufgabe sei möglicherweise ähnlich groß wie der Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg und die deutsche Wiedervereinigung.
Demokratie braucht Menschen, die sie verteidigen
Wulff erinnerte an die Entstehung des Grundgesetzes und daran, dass dessen Mütter und Väter bereits Vorkehrungen für den Fall getroffen hätten, dass die Demokratie erneut unter Druck gerät. Menschenwürde, Minderheitenschutz, unabhängige Gerichte, freie Medien und demokratische Institutionen dürften nicht zur Disposition stehen.
Kritisch blickte der frühere Bundespräsident auf Angriffe gegen Presse, Justiz, Kirchen und andere gesellschaftliche Institutionen. Demokratie könne auf Dauer nicht bestehen, wenn sie nur akzeptiert, aber nicht aktiv getragen werde.
Besondere Verantwortung sieht Wulff deshalb bei jedem Einzelnen. „Wir sind die Demokratie“, sagte er. Wer unzufrieden sei, müsse sich einbringen – in Parteien, Vereinen, Initiativen, Kirchen oder anderen Bereichen der Zivilgesellschaft.
Soziale Medien verstärken Polarisierung
Eine besondere Gefahr sieht Wulff in der zunehmenden Polarisierung über soziale Netzwerke. Dort würden zugespitzte Behauptungen und Empörung stärker belohnt als Differenzierung.
Im anschließenden Gespräch mit Jugendlichen aus Neustadt griff er dieses Thema erneut auf. Die Jugendlichen berichteten von ihrem Engagement in einer Demokratieausstellung und fragten, was gegen Populismus und Demokratiefeindlichkeit getan werden könne.
Wulff lobte dieses Engagement ausdrücklich. Demokratie lasse sich bereits in der Schule erfahren – etwa durch Schülervertretungen und gemeinsame Entscheidungen. Gleichzeitig warnte er davor, politische Meinungsbildung zunehmend allein sozialen Medien zu überlassen.
„Soziale Netzwerke sind aus meiner Sicht eine große Gefahr für die Demokratie“, sagte er. Einzelne zugespitzte Beispiele könnten dort schnell als allgemeine Realität erscheinen, wenn andere Informationsquellen kaum noch genutzt würden.
„Wir müssen jungen Leuten mehr zuhören“
Im Gespräch ging es auch um die Frage, warum sich vergleichsweise wenige junge Menschen dauerhaft in Parteien, Vereinen und Initiativen engagieren.
Wulff verwies auf die demografische Entwicklung und forderte die ältere Generation auf, jungen Menschen mehr Gewicht zu geben. „Wir sind viele Alte und wir haben wenig Junge“, sagte er. Deshalb müsse ihnen stärker zugehört werden.
Auch Entscheidungen während der Corona-Pandemie hätten gezeigt, dass Jugendliche zu wenig beteiligt worden seien. Ähnliches gelte bei politischen Debatten, die ihre Zukunft unmittelbar beträfen.
Eine klare Positionsverschiebung formulierte Wulff beim Wahlalter. Früher habe er gegen eine Absenkung argumentiert. Heute würde er sich, sollte er im Bundestag sitzen, dem Gedanken öffnen, auch bei Bundestagswahlen ab 16 Jahren wählen zu lassen. Ein Grund sei die zahlenmäßig schwächere junge Generation, deren Interessen dadurch stärkeres politisches Gewicht bekommen könnten.
Zuhören, prüfen, eigene Meinung bilden
Was jeder Einzelne gegen Polarisierung tun könne, beantwortete Wulff mit einem einfachen Prinzip: mehr zuhören, genauer hinschauen und Behauptungen überprüfen.
„Heute gibt es unglaublich viele Leute, die Meinungen vertreten, aber sich noch gar keine gebildet haben“, sagte er. Demokratie verlange die Bereitschaft, sich mit Fakten auseinanderzusetzen, die eigene Position zu hinterfragen und andere Sichtweisen auszuhalten.
Dabei gehe es nicht darum, Unterschiede einzuebnen. Vielfalt gehöre zur Gesellschaft. Entscheidend sei, dass Menschen auf Grundlage gemeinsamer Regeln miteinander lebten.
Kirche als Ort wirklicher Begegnung
Eine besondere Bedeutung misst Wulff Orten zu, an denen sich Menschen persönlich begegnen. Kirchengemeinden, Vereine, Chöre, Feuerwehren, Cafés und andere Treffpunkte seien solche „dritten Orte“ neben Familie und Arbeitsplatz.
Gerade Kirchengemeinden gehörten zu den wenigen Orten, an denen Menschen aufeinanderträfen, die sich nicht gezielt ausgesucht hätten: Junge und Alte, Menschen mit unterschiedlichen Berufen, Einkommen, politischen Ansichten und Lebensgeschichten.
Diese Begegnungen seien ein Gegenmodell zu digitalen Räumen, in denen Algorithmen häufig bestehende Überzeugungen verstärkten. Wer anderen Menschen tatsächlich begegne und ihnen zuhöre, könne Vorurteile leichter hinterfragen.
Für Wulff liegt darin auch eine christliche Verantwortung. Menschenwürde, Nächstenliebe und der Schutz des Einzelnen seien zentrale Grundlagen einer demokratischen Gesellschaft.
Zum Abschluss richtete er seinen Appell direkt an Hagen und Neustadt. Christinnen und Christen seien ebenso wie alle Demokratinnen und Demokraten gefordert, ihre Gesellschaft mit Zuversicht, Respekt und Demut mitzugestalten. Sein Schlussgedanke kam aus der Bibel: „Suchet der Stadt Bestes.“
