Den hol ich mir! - 17.1.2026

Man muss kein Blitzmerker sein, um festzustellen, das Weihnachten vorüber ist. Epiphanias ist gewesen, und um es mit einfachen Worten der Ikea’ner zu sagen Knut ist vorbei. Tannenbaumweitwurf war am 5. Januar. So zumindest die Werbung. Der Baum ist also raus, obwohl ganz Hartgesottene die Weihnachtszeit bis Mariä Lichtmess am 2. Februar hinauszögern. Die Zeit der Geschenke unter dem Baum ist definitiv um. Und wenn man sich in der dritten Woche des Jahres kaum noch ein frohes neues Jahr wünscht, dann sind wir im Jahr 2026 angekommen. All die guten Vorsätze werden ganz blass angesichts der Nachrichten dieser Tage. Manch eine oder einer würden sogar lieber gleich die Decke über den Kopf ziehen. Doch sei jenen gesagt, dass diese Art der Vogel-Strauß-Politik noch nie zu etwas Gutem geführt hat. Also woher ein wenig Glückseligkeit nehmen und nicht stehlen?
Wir könnten ein Stück Schokolade essen. Doch das setzt an. Oder wir kaufen uns einfach glücklich. Konsum, vor allem hemmungslos erlebt, soll enorm die Ausschüttung von Glückshormonen stimulieren.
Nun denn, gehen wir einkaufen. Unlängst kam ich an einem Autohaus vorbei. Eines von der noblen Art. Sie wissen schon, aus Stuttgart mit P. Drinnen im sogenannten Show Room standen sportlich schöne Karossen, glänzend in tollen Farben. Es war schon nach Geschäftsschluss. So blieb uns nur, die Autos durch das Schaufenster zu bestaunen. Nicht weit von uns stand ein junger Mann in abgerissenen Klamotten. Er mochte so Anfang zwanzig gewesen sein. Die Hände hatte er zu einem Guckloch geformt, so dass ihn auch keine Spiegelung vom Objekt seiner Begierde ablenkte. Plötzlich sagte er: „Boah ey! Den hol ich mir.“ Stolze Ansage, ist doch gerade jenes Model in der Grundversion schon für 250.000 Euro zu haben. Ich mag mich ja täuschen, aber kann es sein, dass dann am Ende des Geldes noch viel Monat übrigbleibt? Groß ist die Chance, dass wir so auch nicht glücklich werden.
Vielleicht helfen ein Perspektivwechsel und ein Rückblick. Wie war das noch mit dem Christkind? Gott auf Erden, uns zum Heil. Von dem schreibt der Evangelist Johannes: „Von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade.“ Das ist doch was. Das gibt’s kostenlos. Also ohne Geld, und wir können uns diese Gnade einfach so holen. Und wer weiß, vielleicht stellt sich ja dann dieses Boah-Ey-Gefühl ein. Versuch macht klug.
Ihnen ein schönes Wochenende.
Prädikant Holger Kipp
Sie schlägt die Augen auf. Wie schön ist es, von einem warmen Sonnenstrahl im Gesicht geweckt zu werden. Kräftig streckt sie ihre Arme und Beine in alle Richtungen. Die Ruhe der Nacht hat gut getan und sie für eine kurze Zeit ihre Sorgen vergessen lassen. Endlich konnte sie mal wieder eine ganze Nacht durchschlafen. Sie schlägt die Bettdecke zurück, setzt sich auf und seufzt. Auf einmal werden ihre Glieder schwer wie Blei. Ach, lohnt es sich überhaupt aufzustehen? Seit fast einem Jahr ist sie auf der Suche nach einem neuen Arbeitsplatz. Aber immer ist es das Gleiche. Auf ihre Bewerbung bekommt sie nur Absagen. Langsam verlässt sie der Mut. „Wird es mir überhaupt noch gelingen, wieder in die Arbeitswelt zu finden?“. Auf dem Weg ins Bad sieht sie noch einmal den Sonnenstrahl, der auf ihrer Bettdecke liegt. Sie lächelt. Wie fröhlich die kleinen Staubkörner in dem Licht tanzen. Im Badezimmer ist es kalt. Sie stellt die Heizung an. Zum Glück wird das Wasser in der Dusche schnell warm. Mit geschlossen Augen hält sie ihr Gesicht in den Wasserstrahl. „Es geht immer weiter“ hat ihre Oma immer zu ihr gesagt, wenn sie glaubte, die langen Schulwochen und die vielen Klassenarbeiten nicht zu schaffen. „Es geht immer weiter,“ spricht sie nun leise in den Wasserstahl hinein. Ihre Oma war eine Frau mit einem festen Glauben. Es faszinierte sie immer, wenn sie hörte, wie schwer ihre Oma es in ihrem Leben gehabt hat und wie stark sie der Glaube an Gott gemacht hat. Sie stellt das Wasser ab, greift nach ihrem Bademantel wickelt sich fest in den Frottierstoff ein. Auf dem Weg in die Küche zieht sie die Zeitung aus dem Postschlitz an der Tür. Als sie die Beilage der Zeitung herausnimmt, fällt eine Postkarte heraus. „Gott nahe zu sein ist mein Glück,“ liest sie halblaut. Sie lächelt und denkt wieder an ihre Oma. „Ja, Gott nahe zu sein ist mein Glück und es geht immer weiter.“ Gott sei Dank!