Es ist Herbst. Die Luft riecht nach fallenden Blättern, mein Atem ist in Schwaden sichtbar, und die Fensterscheibe beschlägt, wenn ich morgens das Fenster öffne. Draußen lassen die Bäume los. Kein Ast klammert sich an sein Laub, keine Krone verteidigt
ihr Grün. Sie geben her, was ihnen im Frühjahr noch Kraft gegeben hat – und werden dabei trotzdem nicht ärmer.
Wir Menschen tun uns damit schwerer. Loslassen tut weh. Wenn jemand geht, den wir gern behalten hätten. Wenn eine Tür zufällt, die ich offenhalten wollte. Wenn eine Zeit endet, die mich getragen hat – eine Freundschaft, eine Aufgabe, ein Lebensabschnitt. Abschied nehmen fordert mich heraus – lässt mich die Lücke spüren, die zurückbleibt. Und manchmal fühle ich mich dann selbst fast ein wenig kahl, wie die Äste da draußen.
Gleichzeitig: Wer einmal losgelassen hat, kennt sicherlich auch diese Erfahrung: Nach einer gewissen Zeit lässt sich Erleichterung spüren. Die Schultern werden leichter, wenn ich es geschafft habe, das abzulegen, was mir längst zu schwer geworden war. Manchmal merke ich erst beim Loslassen, wie viel Kraft das Festhalten gekostet hat.
Und dann ist da noch ein Drittes: Loslassen macht Platz. Ein Baum treibt im Frühjahr neue Knospen genau dort, wo im Herbst ein Blatt gefallen ist. Was die Äste losgelassen haben, war auf gewisse Weise vorausgezahlt an das, was kommen wird. Der Herbst zeigt uns: Weniger werden ist nötig, damit im nächsten Jahr wieder etwas wachsen kann.
Vor fast dreitausend Jahren hat jemand diese Erfahrung in Worte gefasst: „Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde. (...) suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit; behalten hat seine Zeit, wegwerfen hat seine
Zeit." (Prediger 3,1.6)
Alles hat seine Zeit – auch das Loslassen. Was für eine Lehre, die wir von den Bäumen vorgelebt bekommen: Loslassen, wenn die Zeit dafür gekommen ist, und darauf vertrauen, dass Neues wachsen wird.
Franziska Oberheide, Pastorin in Corvinus