
Dasein, wenn Schutzräume zerbrechen
Die Notfallseelsorge (NFS) im Kirchenkreis Neustadt-Wunstorf begleitet Menschen in Momenten, in denen nichts mehr trägt. In den vergangenen Tagen waren die haupt- und ehrenamtlichen Seelsorgerinnen und Seelsorger besonders gefordert. Sie standen Menschen bei, die plötzlich mit Tod, Gewalt, Angst, Fassungslosigkeit und Trauer konfrontiert waren.
Der Einsatz vom letzten Juni-Wochenende steckte vielen noch in den Knochen. In einer Einrichtung war plötzlich ein junger Mann verstorben. Neben dem Ortspastor kamen Ehrenamtliche der Notfallseelsorge hinzu, um die Familie und das Personal zu begleiten.
Dann folgte die tödliche Gewalttat in Stade. Auch dort waren Seelsorgerinnen und Seelsorger aus dem Kirchenkreis in die Begleitung eingebunden. Sie fuhren zu Kolleginnen und Kollegen der Ermordeten und in die Kita der Kinder einer der Verstorbenen. In Stade wurden Menschen getötet, die anderen helfen wollten: in einem geschützten Raum, mitten im beruflichen Alltag, in einer Situation, die eigentlich Sicherheit geben sollte.
Auch am ersten Juli-Samstag waren mehrere Mitglieder des NFS-Teams auf Bitte der Region Hannover im Hintergrund in Garbsen im Einsatz, während im Schulzentrum die zentrale Trauerfeier lief. Gleichzeitig hielten sich ein Pastor und eine Ehrenamtliche bereit und halfen, als es gleichzeitig eine der wohl größten seelsorgerlichen Herausforderungen gab: die Begleitung von jungen Eltern beim "plötzlichen Kindstod".
Das sind Einsätze, über die man nicht leicht schreibt. Und genau deshalb muss man über die Menschen sprechen, die hingehen.
Die Seelsorgerinnen und Seelsorger erklären nicht weg, was nicht zu erklären ist. Sie machen nichts gut, was nicht gut ist, aber halten aus, was andere kaum aushalten können. Sie hören zu, bleiben ansprechbar, geben Orientierung und schaffen einen ersten Halt, wenn Menschen innerlich den Boden verlieren.
„Was unsere Notfallseelsorgerinnen und Notfallseelsorger leisten, verdient großen Respekt und tiefen Dank“, sagt Superintendent Rainer Müller-Jödicke. „Sie gehen dorthin, wo Menschen mit Tod, Gewalt, Angst und Ohnmacht konfrontiert sind. Sie bleiben, wenn andere kaum Worte finden. Dieser Dienst zeigt sehr konkret, was Kirche ist: Nähe, Verlässlichkeit und Beistand in den schwersten Stunden.“ Er ist stolz darauf, dass fast alle Pastorinnen und Pastoren aus dem Kirchenkreis und zusätzlich viele Ehrenamtliche bei der NFS involviert sind.
Tim Kröger, Pastor in Neustadt, Schulpastor an der KGS Neustadt und Leiter der NFS für die Bereiche Wunstorf-Neustadt und Region Hannover, beschreibt die Aufgabe ähnlich nüchtern: „Wir kommen nicht mit fertigen Antworten. Wir kommen, um da zu sein. Für Betroffene, Angehörige, Einsatzkräfte und alle, die in einer akuten Krise Halt benötigen.“
Kröger hat die NFS 1997 mit aufgebaut. Als Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr erlebte er damals, dass Ärztinnen, Ärzte und Rettungskräfte bei Einsätzen schnell für körperliche Verletzungen zur Stelle waren. Für die seelischen Wunden fehlte oft ein verlässliches Gegenüber. Aus dieser Erfahrung entstand ein ökumenischer Dienst, der heute fest in die Strukturen von Feuerwehr, Rettungsdienst und Polizei eingebunden ist. „Gerade bei außerhäuslichen Lagen arbeiten wir im Bereich des Kirchenkreises eng und gut, etwa mit dem Kriseninterventionsteam der Johanniter zusammen“, sagt Kröger.
Alarmiert wird die Notfallseelsorge telefonisch von der Leitstelle, wenn der Einsatzleitende vor Ort den Bedarf sieht und ihn weiter meldet. Zum Einsatz kommen die Haupt- und Ehrenamtlichen unter anderem bei plötzlichen Todesfällen, schweren Unfällen, Suiziden, Gewalttaten, beim Überbringen von Todesnachrichten und zur Begleitung von Einsatzkräften nach besonders belastenden Einsätzen.
Dieser Dienst, der allen von plötzlichen Katastrophen Betroffenen unabhängig von Religion, Geschlecht und Herkunft angeboten wird, ist ein kostenloser Dienst der Kirchen an die Gesellschaft und wird von den Kommunen mit unterstützt. Neben der persönlichen Begleitung bietet die NFS aber auch Kirchenräume an, wo Menschen einen Ort finden, an dem Trauer, Klage, Schweigen und Hoffnung seit Jahrhunderten einen Raum haben“, resümiert Kröger.
Denn wer eine Kirche betritt, kann so sein, wie sie oder er ist. Dort darf Fassungslosigkeit stehen bleiben. Dort dürfen Kerzen brennen, wenn Worte fehlen. Dort bekommt Ohnmacht eine Form, ohne dass sie beschönigt wird.
„Rituale geben Menschen Sicherheit und Ruhe“, sagt Kröger. Eine Kerze anzuzünden, sei eine einfache, aber starke Handlung: In der Dunkelheit entstehe Licht, in der Kälte Wärme. Gerade dann, wenn Menschen nichts ändern können, hilft es, etwas tun zu können.
Notfallseelsorge bringt diese Haltung an Einsatzorte, in Familien, zu Kolleginnen und Kollegen, zu Einsatzkräften. Sie bringt die Erfahrung mit: Menschen müssen schwere Stunden nicht allein durchstehen.
Der Kirchenkreis Neustadt-Wunstorf dankt allen Ehrenamtlichen, Pastorinnen und Pastoren, die in der Notfallseelsorge mitarbeiten. Dieser Dank gilt auch ihren Familien, die diesen Dienst mittragen, und den Einsatzkräften von Feuerwehr, Rettungsdienst und Polizei, mit denen die Notfallseelsorge eng zusammenarbeitet.
Dank gilt ebenso allen, die mit ihren Kirchensteuern dieses Engagement möglich machen. Und er gilt dem Rotary-Club Nienburg-Neustadt, der im dritten Jahr die Fortbildungen der Ehrenamtlichen mit der Glücksei-Aktion unterstützt.
Was diese Frauen und Männer leisten, geschieht meist im Stillen. Es steht selten im Einsatzbericht. Es ist nicht spektakulär. Aber es ist unverzichtbar.
In Tagen wie diesen wird sichtbar, was Kirche in der Krise bedeutet: Sie bleibt. Sie hält aus. Sie gibt Raum. Und sie schickt Menschen, die da sind, wenn andere keine Worte mehr haben.