Es wird November. Wir spüren es an allen Ecken und Enden. Die Blätter werden bunt und fallen von den Bäumen. Die Tage werden kürzer und dunkler. In diese Zeit fallen die traditionellen Gedenktage: Allerheiligen, Allerseelen, Volktrauertag, Totensonntag. Wir denken an unsere Verstorbenen: Angehörige, Freunde, Nachbarn. Viele Gräber werden auf den Winter vorbereitet und neu geschmückt. Auf einigen von ihnen leuchten rote Kerzen. Beim Anzünden der Lichter beten vielleicht manche Christen: „Herr gib ihnen die ewige Ruhe und das ewige Licht leuchte ihnen. Lass sie leben in Frieden. Amen“.
Auch wenn die Totengedenktage immer mehr in den Hintergrund geraten, auch wenn der Weg zum Grab manchmal schwerfallen mag: Ich bin froh, über diese Tage im November und jeden Gang zum Friedhof. Ich glaube, sie helfen uns die Verstorbenen nicht zu vergessen. Jede Kerze auf einem Grab, jede Zwiesprache mit einem Verstorbenen, jedes noch so kurze Gebet, kann Ausdruck der christlichen Hoffnung auf ein Leben nach Tod sein.
Diese Tage im November erinnern mich immer auch an meine eigene Vergänglichkeit, meinen eigenen Tod. In einem Musical von Peter Janssens heißt es: „Im Tod, da sind wir alle gleich…egal ob arm, egal ob reich…uns allen blüht der Tod“. Jedem von uns blüht der Tod – und vorher blüht das Leben. So kann jeder Gang zum Friedhof den Blick für das Leben schärfen, kann helfen bewusster und dankbarer zu leben: Jeden Tag, jeden schönen Augenblick, jede Begegnung als ein Geschenk zu sehen. Zu spüren, worauf es im Leben ankommt: Nicht haben – sondern sein. Nicht nur alles für sich wollen – sondern mit anderen zu teilen. Und sich der Gleichwertigkeit aller Menschen, in aller Individualität und unterschiedlichen Herkunft, bewusst werden.
Die Bibel nimmt im Psalm 90 den Tod in den Blick mit den Worten: „Unsere Tage zu zählen, lehre uns Gott! Dann gewinnen wir ein weises Herz“. Abraham Lincoln hatte wohl so ein weises Herz, hat er doch einmal gesagt: „Wenn ich eines Tages gestorben sein mag, möchte ich, dass diejenigen, die mich am besten kannten, von mir sagen werden: Er hat immer eine Distel ausgerissen und eine Blume gepflanzt, wo er dachte, dass eine Blume wachsen würde.“
Stefan Keil, Gemeindereferent in der Kath. Pfarrgemeinde St. Bonifatius