Die kahlen Gerippe der Bäume zeichnen sich hart in den Himmel. Trockene Blätter, tanzen im Spiel des Windes und rascheln leise unter ihren Schritten. Die Sonne ist mild geworden, denkt sie und schiebt ihre Füße durch das Laub. Sie erreicht die Pforte zum Friedhof. Leise klappend fällt das kleine Tor hinter ihr ins Schloss.
Den Weg zur Grabstelle kennt sie genau, so oft, wie sie ihn im vergangenen Jahr gegangen ist. Sie kommt an der Grabstelle an. Der Wind streicht ihr zart über das Gesicht. Ihr Blick sucht den großen Grabstein. Sie liest den Namen, der in geschwungenen Buchstaben in den Stein eingraviert ist und spürt, wie ihr die Tränen über die Wangen laufen. Ihr Blick verschwimmt. Wie schön, dass die Blumen, die sie vor ein paar Wochen für ihren Mann gepflanzt hat, noch immer blühen. Heute Morgen liegt Tau auf den Blüten. Sonnenstrahlen brechen sich in den feinen Wassertropfen und lassen sie leise glitzern. Mit ihren Gedanken ist Lisa bei ihrem geliebten Mann. Wie schwer war der Tag, an dem sie hier am offenen Grab stand. Wie gut tat es, die Hand ihrer Freundin zu halten, als der Sarg hinabgelassen wurde.
Doch dann folgten die langen Abende. Selbst sieht sie sich auf dem Sofa sitzen. Der Platz neben ihr: leer. Wie oft trieb ihr der Blick auf die sorgsam gefaltete Decke, die ihr Mann sich abends so gerne über die Beine legte, die Tränen in die Augen. Wie gut tat es dann, wenn ihre Freundin vorbeikam, ihr zuhörte, sie weinen lies und gemeinsam mit ihr in Erinnerungen schwelgte. Manchmal holten sie sogar das dicke Fotoalbum hervor. Sie lachten, weinten und schwiegen zusammen und Lisa spürte, wie dankbar sie für die gemeinsamen Jahre mit ihrem Mann war. Im Psalm 126 heißt es: Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. Sie gehen hin und weinen und streuen ihren Samen und kommen mit Freuden und bringen ihre Gaben.
Birgit Lang, Pastorin in Bokeloh