Zugvögel - 5.11.16

Ist es Ihnen schon mal aufgefallen? Sie fliegen auch nachts – die Zugvögel! Freu ich mich schon tagsüber, wenn ich ihr Rufen höre und sie dann bei guter Sicht am Himmel entdecke, so finde ich ihr Fliegen in der Dunkelheit noch erstaunlicher. Unbeirrt ziehen die Burschen da oben ihre Bahn, ganz gleich ob es taghell oder aber stockfinster ist. Sie kreuzen wohl unsere Wege, aber anders als wir sind sie nicht gebunden an Straßen, Brücken oder Pässe. Und selbst große Hindernisse wie hohe Gebirge oder weite Meere werden geschickt von ihnen „umschifft“. Unbeirrbar ziehen sie ihren Weg einem inneren Kompass folgend. Und dabei rasen sie nicht etwa, sondern gleiten Stück für Stück ihres langen Weges durch die Lüfte, bis sie dann nach Wochen am Ziel ankommen.

Auch wenn das erstmal merkwürdig klingen mag: In gewisser Weise ähneln wir Menschen den Zugvögeln. Wir mögen zeitlebens sesshaft auf ein und demselben Stück Scholle leben – wir sind aber letztlich alles andere als sesshaft! Den Zugvögeln gleich ziehen auch wir ausdauernd Stück für Stück voran – und zwar durch die verschiedenen Phasen unseres Lebens. Von der Kindheit geht es in die Jugend, von der Jugend ins junge Erwachsenensein, von dort ins „Mittelalter“. Dem folgt das Alter des jungen Seniors, danach der Senior und am Ende der betagte Senior. Es ist ein stetiges Wandern durch die Gezeiten des Lebens. Und dabei „durch-schiffen“ auch wir sowohl Helles wie Dunkles in unserem Leben.

Dieselben bleibend, werden wir auf dieser Wanderschaft doch andere. Und wenn es gut geht, dann reifen wir dabei - werden weiser.

In einem biblischen Wort (Psalm 39,5) schreibt der Autor den kantigen Satz: „Herr, lehre mich doch, dass es ein Ende mit mir haben muss und mein Leben ein Ziel hat und ich davon muss.“

Worte wie diese sind für mich - im guten Sinne - „Stolpersteine“. Sie helfen, grade weil sie über den Tellerrand des Augenblicklichen schauen und daran erinnern: Gleich dem Weg der Zugvögel hat auch unser Lebensweg – ganz egal welche Haken wir geschlagen haben – ein Ziel, zu dem hin wir wachsen. Es ist die Begegnung mit ihm, dem EINEN, von dem wir kommen, der uns jeden Augenblick, jeden Herzschlag und Atemzug schenkt.

Pastor Claus-Carsten Möller, St. Johannes Wunstorf