Wer spielt die erste Geige? - 5.8.17

Das Ensemble für die Abendmusik wird vorgestellt: ein Cello, um mit dem optisch größten Instrument zu beginnen, eine Bratsche, eine zweite und eine erste Geige. Alle Damen, denn es handelt sich um Musikerinnen, sind hübsch anzuschauen. Dem Thema gemäß – Lateinamerikanische Rhythmen – haben sie sich in rot und schwarz gewandet. Das Konzert kann beginnen. Die Spielerinnen sehen sich an, die Instrumente werden in Position gebracht, die Bögen angesetzt, ein kurzes Kopfnicken und der erste Ton erklingt. Nun sollte man landläufig meinen, den Vortritt hätte die erste Geige, aber weit gefehlt. Das Cello hat übernommen, das Instrument mit der tiefsten Stimme im Ensemble. Mit energischem Bogenstrich bringt die junge Dame die Saiten zum Klingen. Sie führt nicht nur die Titel-Melodie in diesem Tango, sondern unterstreicht auch den eigenwilligen Rhythmus des Stückes. Ähnlich geht es weiter: einmal ist die Bratsche vorn, mal die Geige, mal  ist das Cello tonangebend. Nur in einem Stück spielt die Erste Geige tatsächlich die erste Geige. Jesus sagt: „Wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein“ (Mk 10,43). So ist die erste Geige zwar unersetzlich im Orchester, aber eben nicht die größte Stimme.

Insgesamt stellt sich in dem Konzert ein Wohlklang ein, der die Zuhörenden die Spitzenposition einer Konzertmeisterin, der ersten Geige, vergessen lässt. Die Musikantinnen verstehen sich, und auch ihre Instrumente verstehen sich und können so zu einem vertrauten Miteinander finden. Das erinnert mich an Paulus‘ Brief an die Gemeinde in Korinth:  „Es gibt zwar verschiedene Gaben, aber es ist immer derselbe Geist. Es gibt verschiedene Aufgaben, aber es ist immer derselbe Herr. Es gibt verschiedene Wunderkräfte, aber es ist immer derselbe Gott. Das Wirken des Geistes zeigt sich bei jedem auf eine andere Weise. Es geht aber immer um den Nutzen für alle.“ (1. Kor. 12) So funktioniert auch das Zusammenleben in der Familie, in der Kirche, in Stadt und Land, in Europa, auf der Welt. Nur im Miteinander ist ein gedeihliches Konzert möglich.

Helga Kaiser, Prädikantin