Weihnachtsklima - 24.12.19

Foto: Ulla PaczkowskiDas Klima wird kälter! „Wie bitte?“ werden Sie sich jetzt vielleicht fragen. „Das ganze letzte Jahr ging es doch um Hitzesommer und schmelzende Eisberge. Es wird wärmer - nicht kälter!“ Stimmt, da haben Sie vollkommen Recht. Aber mir geht es ausnahmsweise mal nicht um das Wetter und den Klimawandel, vor dem Greta Thunberg warnt. Es geht um das Klima unter uns Menschen: Das wird immer kälter. In unserer Gesellschaft wird zunehmend gegen andere Menschen gehetzt und Hass verbreitet. Besonders häufig im Internet, schließlich bleibt man dort unerkannt. Der Hass in den sozialen Medien richtet sich gegen Greta Thunberg, gegen Politiker und besonders stark gegen Juden bei uns. Aktuelle Umfragen zeigen, dass der Antisemitismus inzwischen wieder in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen. Ungefähr 25% der Bevölkerung haben inzwischen eine judenfeindliche Einstellung. Kein Wunder, dass viele Juden bei uns in Deutschland Angst haben: Ein Junge verschweigt deshalb seinen Kumpels im Fußballverein, dass er Jude ist. Und nach dem Anschlag auf die Synagoge in Halle fragten jüdische Kinder ihre Eltern, ob sie jetzt auch in Gefahr sind. Eine Familie überlegt tatsächlich, ob sie mit ihren Kindern nach Israel, in ein fremdes Land, zieht. Damit die Kinder dort in Sicherheit aufwachsen können.  Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und andere Formen von Hass sind für viele deutsche Juden nicht neu. Viele sind nach dem Anschlag von Halle nicht mehr sicher, dass sich die Geschichte nicht wiederholt.

Ein starkes Zeichen gegen Antisemitismus haben die Schüler der Ev. IGS in Wunstorf gesetzt: Sie hatten sich mit dem Leben des Auschwitzüberlebenden Leon Schwarzbaum beschäftigt. Er hatte einst sein Abitur-Zeugnis im Konzentrationslager Auschwitz abgeben müssen. Gemeinsam mit ihrer Schulleiterin haben die Schüler dann eine Initiative gestartet: Mit dem Erfolg, dass er 80 Jahre danach eine Ehren-Abitururkunde unserer Ev. IGS in Wunstorf erhielt. Das Echo darauf war so groß, dass Leon Schwarzbaum gemeinsam mit einer Frau, die den Anschlag von Halle in der Synagoge erlebte, im diesjährigen RTL-Jahresrückblick "Menschen, Bilder, Emotionen" zu Gast waren. Dort erzählte er, dass er bis heute die schrecklichen Ereignisse in Auschwitz nicht vergessen kann. Die Erinnerungen an Lastwagen voller nackter, schreiender Menschen, die in den Tod transportiert wurden, sind bei ihm sehr lebendig. Diese Erinnerungen bleiben, aber mit der Ehren-Abitururkunde erhielt Leon Schwarzbaum zumindest einen Teil seiner Menschenwürde, die ihm damals bei seiner Einlieferung nach Ausschwitz genommen wurde, wieder.

Wenn wir in diesen Tagen Weihnachten feiern, sollten wir bei allem nicht Maria mit dem Jesuskind vergessen. Denn Weihnachten feiern wird die Geburt des Kindes einer jüdischen Mutter. Dieses Kind im Stall von Bethlehem ist Gott selbst. Es schenkt allen Menschen eine einzigartige Würde. Gott hat uns geschaffen als seine Ebenbilder: nicht zuallererst als Christen oder Juden oder Muslime; nicht zuerst als Schwarze oder Weiße, sondern als Ebenbilder Gottes. Wer sich antisemitische Parolen zu eigen macht, darf eigentlich die Geburt Christi - und damit das Fundament des christlichen Abendlandes - nicht feiern. Denn das Kind von Bethlehem wird verraten, wenn Glieder des jüdischen Volkes, in dem es zur Welt kam, als Juden missachtet werden.

Ja, das Klima wird kälter. Und gerade wir als Christen sollten etwas gegen diesen Klimawandel tun. Ein respektvoller und friedlicher Umgang miteinander ist nicht nur Weihnachten beim Familienfest untern Baum, sondern auch im Netz wichtig. Wir können alle zusammen dafür sorgen, dass sich Hass und Hetze bei uns nicht weiterverbreiten. Egal ob online oder offline. Damit jede und jeder sich in unserem Land sicher und wohl fühlt.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest

Michael Hagen, Superintendent