Volkstrauertag?! - 16.11.19

Wer trauert und worüber? Ich glaube nicht, dass „unser“ Volk, “das“ Volk noch trauert oder die Jugend morgen Trauer trägt - bestenfalls Groß- oder eher Urgroßeltern. Warum sollten Jugendliche von heute Trauer tragen? Leben sie nicht in dem Überfluss, den die Generation nach dem Krieg immer mit: „Ihr sollt es mal besser haben.“, gemeint hat? Geht es ihnen und uns nicht gut?

Rühren uns die Toten und das Leid vergangener Generationen und das Leid der Kriegsflüchtlinge, deren Machthabern wir die passenden Waffen geschickt haben? Die Öffentlichkeit setzt die Flaggen auf Halbmast. Die schwindende Zahl der Zeitzeugen kommt zu Wort. Wer hört zu? Wer liest die Texte? Wer sorgt dafür, dass wir uns ermahnen lassen, dass es so weit nie wieder kommen darf – hier nicht und nirgendwo auf der Welt?

Einer erhebt seine Stimme. Sein Name gilt als Synonym für schlechte Nachrichten: Hiob. Es sind die Nachrichten, die er erhält, die schwer zu ertragen sind. Er selber mit seinem Leben kann zeigen, was wir Menschen zu ertragen im Stande sind. Am Ende, ganz am Ende von Hiobs Geschichte, ist alles wieder gut. Dazwischen: Leid, Unglück, Schicksalsschläge, tiefe Traurigkeit. Allen, die Leid in dieser Welt erfahren, die Krieg in ihrem Leben erlebt oder von den Folgen etwas mitbekommen haben; alle, die nur zu gut noch wissen, wie es vor 74 und bald 75 Jahren in diesem Land war und an anderen Orten dieser Welt bis heute ist; alle, die auch heute als Soldatinnen und Soldaten in Kriegs- und Krisengebieten der Welt unterwegs sind oder waren, die wissen, warum an diesem Wochenende der Toten von Kriegen und Diktaturen, den Opfern von Gewalt und Terror gedacht wird: sie tragen Traurigkeit oder Trauer in sich. Vielleicht haben sie auch große Freude – Freude darüber selber mit dem Leben davon gekommen zu sein, und hindurchgetragen worden zu sein durch alles Leid.

Wenn an diesem Wochenende in vielen Orten Gedenkveranstaltungen stattfinden, sind die meisten Teilnehmenden wohl wieder Amtsträger und Menschen, die den Krieg bei uns noch miterlebt haben, oder Jugendliche, die in der Schule sich grade mit dem Thema befassen.

Wo aber sind die, die den Frieden genießen und die in Freiheit leben und an denen es liegt, dafür Sorge zu tragen, dass Krieg nie wieder sein wird?

Wer sagt, dass der Friede, den wir für selbstverständlich halten, von ganz alleine bleiben wird? Gibt es einfach zu viel Ablenkung, als dass wir auf das Hier und Jetzt schauen und wie unsere Welt friedlicher werden kann – in den Familien, Gemeinschaften, Kirchengemeinden, auf den Dörfern und in den Städten? Hiob sagt: „Der Mensch, von einer Frau geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe. Er geht auf, wie eine Blume, verwelkt und nichts bleibt von ihm.“ Dann wäre doch aber alles sinnlos, denken Sie jetzt vielleicht?

Doch dann kommt´s: „Trotzdem erhebst Du, Gott, Dein Angesicht und schaust auf uns.“ Sollten wir nicht auch auf unser Miteinander und unsere Mitmenschen schauen und es für Wert erachten den Frieden zu wahren, in dem wir uns daran erinnern lassen, wie es war und auch heute wäre ohne ihn?

Diakon Heinz Laukamp, Idensen