Vertrauen wagen – 12.5.18

Es war auf einer der üblichen Dienstreisen. Mein Kollege Frieder und ich hatten einen sozusagen überaus erfolgreichen Vormittag bei einem Kunden verbracht. Wir waren beide aufs äußerste zufrieden.

„Komm, auf diesen Erfolg gehen wir noch angemessen Essen.“ sagte Frieder. „Selbstverständlich“, ich hatte nichts dagegen, es war Mittagszeit und wir hatten einen ziemlichen Weg über unkalkulierbare Autobahnen nach Hause.

Gesagt getan, also suchten wir uns ein Restaurant, das, weil überaus schönes Wetter herrschte, auch draußen bediente. Wir fanden bald einen schönen Biergarten, waren allerdings nicht die einzigen Gäste. Ein Mann an einem großen runden Tisch lud uns ein bei ihm Platz zu nehmen.

Wir hatten gerade unser Essen bekommen, als er einen Espresso und Digestiv bestellte. Ich dachte noch im Stillen: „Der gönnt sich was!“, denn er hatte zuvor wenigstens ein Menü mit mehreren Gängen.

Als ihn kurz darauf die Bedienung bat zu zahlen machte er ein betrübtes Gesicht. „Entschuldigung“ fragte er Frieder, „darf ich Sie bitten, mir 50 Euro zu leihen?“ Meine Gedanken überschlugen sich: ‚die würde doch keiner zurück kriegen‘, ‚ist der unverschämt‘ und ‚das wusste er doch vorher‘ waren nur die Harmlosesten. Frieder blickte mitleidig zu unserem Tischnachbarn und sagte zögernd zu meinem Erstaunen: „Na gut, ich gebe sie Ihnen.“ Der andere Gast bedanke sich und stammelte, er habe sein Auto rechts zu nahe an einem Poller geparkt und sein Portemonnaie wäre für ihn unerreichbar in den Fußraum des Beifahrers gefallen. Das Geld wolle er Frieder, wenn auch wir fertig wären, zurückzahlen.

Ich brauche nicht zu sagen, wie unverschämt diese Worte auf mich wirkten.

Kaum aufgegessen und bezahlt standen wir auf, nicht aber der fremde Gast an unserem Tisch. Er löste die Bremsen seines Rollstuhls und rollte uns den Weg zeigend voran. Es war alles, wie er geschildert hatte. Frieder bekam sein Geld zurück, ich hatte beim Essen den Rollstuhl nicht sehen können. Ich war begreiflicherweise außerordentlich beschämt.

Wir alle sollten einander bedingungsloser vertrauen.

Gunner Linde-Göers, Stiftsgemeinde