Unzerstreitbar - 9.11.19

In 6 ½ Wochen ist Weihnachten. Das Fest der Liebe. So sagt man. Unendlicher Friede in den Familien, Harmonie, die Seele kommt zur Ruhe. Spekulatius, Tannenbaum, gediegene Musik. Es wird gelacht und gegessen. Theoretisch. Wäre es denn nur vorher und nachher auch so friedlich. Würde an Weihnachten nicht alles nur mit dem „Mantel der Liebe“ zugedeckt werden. Es ist klar: Was vorher zwischen den beteiligten Personen brodelte, wird nicht zu Weihnachten aus dem Weg geräumt, sondern nur verkniffen. Es ist somit nur scheinbar ein Fest der Liebe, für den Fall, dass ein Streit offen ist.

Christen wird häufig nachgesagt, sie können gar nicht streiten, weil sie angehalten sind, sanftmütig zu sein. Das stimmt, denn Sanftmut und Demut sind große Werte – für alle Religionen. Aber darf man deswegen nicht streiten? Es ist eine schwierige Frage, denn meistens hat ein unterdrückter Streit mehr etwas mit Harmoniesucht und der unendlichen Hoffnung auf ein „Es-wird-irgendwie-schon-wieder“ zu tun, als mit Sanftmut und Demut. Ist es Sanftmut, dem Streit aus dem Weg zu gehen oder ist es Sanftmut, den Streit zu führen, damit das sprichwörtliche „reinigende Gewitter“ das Zusammensein umso wertvoller macht? Eine Streitkultur bedeutet auch, streiten zu können. So ein Streit kann emotional werden, was kein Problem ist. Wichtig ist, dass man sich gegenseitig hinterher die Hand reichen kann und mit der Erkenntnis aus dem Streit eine Verbesserung herbeiführt.

In dem Buch „Grundrechte“ von Ulrich Schaffer heißt es:

Du hast das Recht, unzufrieden zu sein

und nicht dem Status quo zuzunicken.

Du hast das Recht, aufzubegehren

Und auf Missstände zu deuten […]

als jemand der teilhat

an den Missständen dieser Welt

und sie verändern will

mit dem Einsatz des eigenen Lebens.

Wir haben noch 6 ½ Wochen bis Weihnachten. Vielleicht genug Zeit, den Streit zu führen, die Klarheit herbeizusehnen und so vorzugehen, dass die menschlichen Beziehungen unzerstreitbar bleiben. Für ein friedliches Miteinander, das unter dem Streit nicht zerbricht, sondern wächst.

Jörg Mecke, Prädikant aus Idensen