Störgeräusche, 2. 6.19

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Störungen sind so lästig. Sie unterbrechen uns ungeplant bei dem, was wir einfach tun wollen. Sie holen uns raus, fordern die Aufmerksamkeit, weil wir Menschen Störungen vermeiden wollen. Inzwischen ist die Störung in unserem täglichen Handeln so groß geworden, dass wir sie nicht ignorieren können: Die Demos allfreitäglich in den Städten in Deutschland und Europa. Jugendliche setzen Politiker unter Druck, fordern zum Umdenken auf und haben möglicherweise auch die Wahlentscheidungen bei der Europawahl am vergangenen Wochenende beeinflusst. Ob die Störung nun gut oder schlecht war, mag jeder für sich beantworten.

Vor 30 Jahren traf sich die erste Europäische Ökumenische Versammlung in Basel. Erstmals seit über 1000 Jahren trafen sich damals Vertreter der Orthodoxen, Anglikaner, Altkatholiken, Lutheraner, Reformierte, Freikirchen und Friedenskirchen sowie des Rates der römisch-katholischen Bischofskonferenzen Europas. In dem Abschlussdokument von damals lesen wir unter Ziffer 43: „Wir haben versagt, weil wir nicht Zeugnis abgelegt haben von Gottes sorgender Liebe für all und jedes Geschöpf und weil wir keinen Lebensstil entwickelt haben, der unserem Selbstverständnis als Teil von Gottes Schöpfung entspricht. […] Wir haben versagt, weil wir nicht entschieden genug die politischen und wirtschaftlichen Systeme in Frage gestellt haben, […] die die natürlichen Ressourcen der Welt nur zum eigenen Nutzen ausbeuten und Armut und Marginalisierung verewigen.“

Schade, dass diese Erklärung, die von Menschen der zweiten Lebenshälfte abgegeben wurde, heute den Politikern nicht mehr in den Ohren klingt. Die Kirchen haben damals begonnen, sich politisch im Sinne von Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung zu engagieren und tun es vielfältig bis heute.

Es ist gut, diese Störgeräusche zu haben. Denn ein ewiges „Weiter so“ ist zwar sehr komfortabel, hinterlässt aber den nachfolgenden Generationen ein Erbe, dass man eher als Hypothek bezeichnen sollte. Lassen wir uns wachrütteln – auch im Sinne unseres Glaubens.

 

Jörg Mecke