Reformationsjubiläum: brasilianisch-deutsch

Pastorinnen und Pastoren der Luth. Kirche Brasiliens besuchen das Ursprungsland der Reformation

Wittenberg, 25.08.2017: „Ihr wundert euch bestimmt, warum die Lutherrose auf unseren T-Shirts ganz andere Farben hat“, sagt Pastor Marcos Bechert, Personalreferent der Ev. Kirche lutherischen Bekenntnisses in Brasilien (IECLB). „Zum Reformationsjubiläum haben wir sie sozusagen ins Brasilianische übersetzt. Schaut, das Kreuz in der Mitte ist hier weiß, in der Farbe des Friedens, und natürlich auch als Hinweis auf die Auferstehung.“ Er legt das weiße Kreuz in die Mitte der zur Morgenandacht im „Himmelszelt“ des Lutherischen Weltbunds versammelten Runde. Und nach und nach wird die Rose vervollständigt, in den brasilianischen Farben. So sind z. B. die Blütenblätter blau, hinterlegt mit Fotos aus dem kirchlichen Leben. In der Runde sitzt die deutsch-brasilianische Gruppe, die 2 ½ Tage lang das Programm im Zelt gestaltet. Vor allem das Singen im südamerikanischen Rhythmus zieht Gäste an, die sich die Weltausstellung in Wittenberg ansehen.

18 Pastorinnen und Pastoren der IECLB haben die Einladung des Pastoralkollegs Loccum angenommen, im Jahr des Reformationsjubiläums nach Deutschland zu kommen. Es handelt sich um den Gegenbesuch der Reise nach Brasilien, die das Pastoralkolleg 2015 durchführte. Die Teilnehmenden der damaligen Reise werden zu Gastgebern, die die brasilianischen Kollegen und Kolleginnen begleiten und auch ein Wochenende lang in die je eigene Gemeinde einladen. „Convivencia“, „das Leben teilen“ ist das Schlüsselwort, das das gemeinsame Erleben am deutlichsten benennt.

Die Gäste sind neugierig darauf, wie das 500-jährige Jubiläum im Ursprungsland der Reformation gefeiert wird. Ein Vortrag in der EKD, die Besichtigung der Wartburg und Erkundungen in Wittenberg geben erste Antworten.

„Wie reagiert ihr auf zunehmende Säkularisierung?“ Diese Frage wird aufgeworfen besonders beim Besuch des Berliner Missionswerks. Die Gäste staunen über die vielfältigen diakonischen Aktivitäten, über das Engagement vieler Ehrenamtlicher z.B. in der Berliner Stadtmission, stellen aber auch kritische Fragen: „Erreicht ihr mit eurer kirchlichen Kultur, mit eurer Art, Gottesdienste zu feiern, die Herzen der Menschen?“ Vertieft wird dieses Gespräch im Ev. Zentrum für Predigtkultur. Dabei wurden Möglichkeiten erörtert, mit anderen sprachlichen und musikalischen Mitteln Menschen aus eher kirchenfernen Milieus zu erreichen.“Wir wünschen euch ein ähnlich starkes auch ehrenamtliches Engagement bei Gottesdiensten und im Gemeindeleben, wie wir es in der Diakonie wahrnehmen!“, das war der einmütige Wunsch der brasilianischen Kollegen und Kolleginnen.

Umgekehrt möchten die deutschen Gastgeber wissen, wie die lutherische Kirche auf die aktuelle politische Situation in Brasilien reagiert. Und sie erfahren, wir schwer es für Pastorinnen und Pastoren ist, kritisch Stellung zu beziehen. „Die Medien machen Stimmung und die meisten glauben ihnen“, sagt Pastorin Ruth Musskopf aus Porto Alegre, „und wer hinterfragt, wird schnell in die „linke Ecke“ gedrängt, auch von unseren Gemeindemitgliedern, die zu einem Großteil der brasilianischen Mittelschicht angehören.“ Und Gilciney Tetzner, Superintendent in Vale do Taquari, ergänzt: „Die demokratisch gewählte Präsidentin Dilma Roussef wurde zu Unrecht abgesetzt in einem Moment, als die alte Oligarchie fürchtete, gänzlich ihre Macht zu verlieren. Es war eine Hetzkampagne, und für uns als Minderheitenkirche ist es nicht leicht, die Stimme zu erheben.“

Knapp 1 Mio. Mitglieder hat die IECLB, die meisten sind Nachfahren deutscher Einwanderer. Die Zahl entspricht ca. 0,5% der brasilianischen Bevölkerung. Die meisten Gemeinden befinden sich im Süden des Landes. Aus des 18 Kirchenkreisen ist je ein Vertreter, eine Vertreterin unter den Gästen.

Die Idee zu diesem Austausch entstand im Gespräch zwischen dem Pastoralkolleg Loccum und dem Kirchenkreis Neustadt-Wunstorf, der seit langem eine lebendige Partnerschaft mit dem Kirchenkreis Uruguai in Südbrasilien pflegt. „Wir haben erlebt, wie die direkte Begegnung, das Kennenlernen vor Ort, das Teilen des Alltags, uns gegenseitig stärken“, sagt Superintendent Michael Hagen. „Da kam die Idee auf, dass auch Pastorinnen und Pastoren unserer Landeskirche solch eine Chance haben sollten. Und bei dem Besuch 2015 konnten wir die Einladung zum Gegenbesuch aussprechen.“

Bei solch einem für manche einmaligen Besuch in Deutschland konnte die Hauptstadt natürlich nicht fehlen, und auch ein Besuch in Hamburg, in der Missionsakademie und im Michel, waren eingeplant. Als Dank für die Gastfreundschaft wurden immer wieder schwungvolle Lieder angestimmt, und auch bei Wartezeiten auf Bahnhöfen und an Bushaltestellen wurde mal eben schnell noch die Gitarre ausgepackt.

„Cantai ao Senhor“, „Ich sing dir mein Lied“, war der Schlager der deutsch-brasilianischen Gruppe. Dieses Lied fehlte dann auch nicht im Abschlussgottesdienst in der Kreuzkirche in Hannover, in dem Bischof Meister die Predigt hielt. So wurde gemeinsam Gott gedankt, auch für diese intensiv erlebte gemeinsame Zeit!

Doris Jäger