November – der leise Herr in Grau - 2.11.19

Es war eine unerwartete Begegnung in der Dämmerung:

„Hey, da bist du ja schon. Ich habe dich noch gar nicht bemerkt. Schmal siehst du aus. Geht es dir nicht gut?“

„Na, wie soll es mir schon gehen. Ich bin nicht der beliebteste unter uns Zwölfen. Das zehrt an meinen Kräften.“

„Das stimmt. Ich merke auch, dass viele Menschen gleich nach dem warmen Sommer zur gemütlichen Winterstimmung übergehen wollen - sowas mit Tee, Kerzen und Spekulatius. Igitt, das geht doch gar nicht zu meiner Zeit. Da gibt es erstmal Flammkuchen und Federweißen. Aber – hey – weißt du, was ich dann mache: Ich puste sie mit meinem Oktoberwind kräftig durch.“

„Ja, das bist du. Meine Aufgabe besteht doch darin, die Menschen zum Nachdenken und Erinnern zu bringen. Das kostet mich immer mehr Kraft.“

„Wie meinst du das?“

„Na, in meine Zeit fallen so viele Gedenktage.“

„Ach ja, den St. Martin auf seinem Pferd und die Kinder mit Laternen schaue ich mir gerne an. Danach lege ich mich meist schlafen.“

„Das ist typisch. Es geht doch nicht nur um die Laternenkinder. Was dieser Martin getan hat, daran sollen sich die Menschen erinnern und heute genauso mit offenen Augen die Menschen erkennen, die ihre Hilfe benötigen. Wer mag schon teilen in dieser Zeit, in der alle alles für sich alleine und sofort haben wollen. Mir fehlt bald die Kraft, die Menschen an all das zu erinnern, was in meiner Zeit wichtig ist.“

„Bist du deswegen so schmal geworden? Und Dein Grau fällt auch kaum auf. Aber ich habe gehört, dass sich in diesem Jahr ganz viele Menschen zum Erinnern treffen wollen. Das sollte dir Hoffnung geben.“

„Das klingt gut, erzähl mir mehr davon.“

„In Halle gab es einen Anschlag auf die jüdische Synagoge. Jetzt wollen viele Menschen ihre Solidarität zeigen bei Gedenkveranstaltungen und Mahnwachen“.

„Das ist eines meiner Themen. Ich erinnere am 9. November an die furchtbare Zerstörung der jüdischen Gotteshäuser durch die Nazis 1938. Oft gibt es Gottesdienste und Veranstaltungen, aber viele übergehen diese Tage einfach.“

„Du hast recht. Dafür brauchen wir dich und deine Zeit. Es ist falsch, wenn Menschen getötet werden nur weil sie einen anderen Glauben haben oder anders aussehen. Krieg im Kleinen als Streit in den Familien oder im Großen zwischen Völkern und Staaten, das bringt nur Leid und Tränen. Und davon hatten wir mehr als genug. Warum denken die Menschen nicht daran?“

„Ja, meine Tage sollen sie erinnern: St. Martin an das Teilen, der 9. November an den falschen Hass gegenüber der jüdischen Religion, der Volkstrauertag an den kostbaren Wert des Friedens und der Ewigkeitssonntag an alle Menschen, die gestorben sind und an Gott, der unsere Zeit in seine Ewigkeit münden lässt.“

„Das ist wirklich eine Aufgabe, die an den Kräften zehrt. Weißt du was, ich schicke noch einen frischen Wind, damit die Menschen  ihre Köpfe frei haben für deine großen Themen von Versöhnung und Frieden. Ich finde es klasse, dass wir zwölf so verschieden sind. Das ist doch eine große Bereicherung.“

Und schon war er unterwegs, seine letzten Worte waren durch den Wind kaum noch zu hören: „Ich sag dem Dezember, dass er nicht so drängeln soll.“

Christa Hafermann, stellvertretende Superintendentin im Kirchenkreis Neustadt-Wunstorf und Pastorin in der ev.-luth. Kirchengemeinde Kolenfeld