(M)ein Herz – 19.8.2017

Da liegt es also. Ich sehe es jetzt zum ersten Mal. Seit wann liegt es dort wohl? Es ist unscheinbar, grau, verbogen und angerostet. Dennoch macht es mich natürlich irgendwie neugierig…

Es handelt sich um ein Stückchen Draht, der auf meinem Nachtschrank liegt. Weiter nichts. Ist er nur verbogen oder gezielt in diese Form gebracht worden? Mit etwas Fantasie ähnelt es einem Herzen.

Es ist staubig und Staub liegt darum herum. Also muss das Herz schon etwas länger dort liegen. Aber: warum ist es mir nicht vorher aufgefallen? Hat es meine Frau mit verstecktem Hinweis dort qualifiziert deponiert? Wollte mir meine Tochter eine Botschaft schicken oder gar mein Sohn? Manchmal dauert es, bis nonverbale Aufmerksamkeiten gehört werden.

Ich mache mir das Herz zu eigen. Bald darauf säge, glätte und poliere ich ein besonders markantes Stückchen Lindenholz und befestige mein schmuckloses Herz daran. Es bedarf mehrerer Versuche beide Teile so zu verbinden, dass sie zu Einem werden. Das Ergebnis ist alles andere als unscheinbar oder schmucklos. Zumindest in meinen Augen.

Als meine Familie einmal ausgeflogen ist hänge ich das neue Kunstobjekt in den Flur. Es macht sich gut dort. Ich bin stolz. Als sie zurückkommen sage ich nichts. Schließlich lag das Herz auch plötzlich ohne ein Wort an meinem Bett.

Beiläufig und unvermittelt sagt meine Frau einige Tage später nur das eine Wort: „Schön“. Ich weiß sofort wovon sie spricht. „Also von Dir?“ frage ich sie. „Ja, Du warst so traurig, damals.“

Behüte dein Herz mit allem Fleiß, denn daraus quillt das Leben. Sprüche 4:23

Gunner Linde-Göers, Stifts-Kirchengemeinde