Hilfe zur Selbsthilfe - 7.1.17

Beim zweiten Anflug schafft es das Baby. Zielsicher landet es auf der Stange des Futterhäuschens. Da sitz schon die Frau Mama. Und das ist der Beginn eines lehrreichen Tages. Die erste Lektion ist: Da gibt es einen Ort, an dem  (fast) immer Futter zu finden ist. Den Weg dahin hat die Mutter gezeigt. Die zweite Lektion lehrt, dass Nahrung nicht immer aus weichen Teilen besteht. Bis zu diesem Morgen hat die Mutter Larven und ähnliches Weichgetier gesammelt, um es in der aufgesperrten gelben Pastille zu versenken. So ein Kind im Wachstum ist ständig hungrig. Und mangels Zähnen zum Zerkleinern der Mahlzeit wird nur geschluckt. Vielleicht ist das das Geheimnis des schnellen Wachstums. Jetzt pickt sie ein Körnchen heraus, entspelzt es,  bevor es – nicht ohne auffordernden kindlichen Pieps – im Schnabel des Kindes landet. Und noch ein Drittes lernt das Kind: Ein Futterplatz gehört einem nie allein. Da kommen ebenfalls hungrige Verwandte angeflogen. Mit Gezeter und Geflatter werden sie von der Mutter vertrieben. Schließlich denkt sie an ihr Kind zuerst. Gefüttert werden muss so lange, bis ein gewisser Sättigungsgrad erreicht ist. Das Kind macht den Abflug auf die Zaunstange. Mutter hinterher. Sie hat noch ein Körnchen im Schnabel. Das soll dem Heranwachsenden zu gute kommen. Diese Szene am Futterplatz auf dem Balkon an einem sonnigen Morgen  erinnert mich an das Buch des Propheten Jesaja, 49,15: ‚Doch der Herr sagt: „Bringt eine Mutter es fertig, ihren Säugling zu vergessen? Hat sie nicht Mitleid mit dem Kind, das sie geboren hat? Und selbst wenn sie es vergessen könnte, ich vergesse euch nicht.“ Nicht nur ein Vogelkind wird auf den ersten Schritten auf dem Lebensweg begleitet. Auch wir Menschenkinder dürfen uns der Fürsorge sicher sein, vom ersten bis zum letzten Atemzug und sogar darüber hinaus.

Helga Kaiser, Prädikantin