Gratis - 28.10.17

Eine Gratisprobe von Weinen aus der Pfalz? Einen Gutschein für eine stark vergünstigte Reise? Ein Probeabonnement der Zeitung, aus der mir dieser Werbeflyer entgegenfallen? Vieles könnte ich an diesem Wochenende kostenlos bekommen und ausprobieren, wenn ich nur eine E-Mail an die angegebene Adresse schreibe, die vorfrankierte Antwortkarte mit meinen persönlichen Daten ausfülle… Was könnte ich mir alles schenken lassen! Aber zu welchem Preis? Keine Werbeaktion ist umsonst. Adressangaben sind viel Geld wert – gerade wenn zugestimmt wurde, dass diese für Werbezwecke genutzt werden dürfen.

Wer als Kind gelernt hat, dass nur brave Kinder ein Geschenk verdienen, dem fällt es auch später schwer, ein Geschenk einfach dankbar anzunehmen. Viele bekommen ein schlechtes Gewissen, fühlen sich unter Druck gesetzt, es mit einem mindestens gleichwertigen Geschenk auszugleichen. Wer nicht von Herzen schenken und sich beschenken lassen kann, gerät leicht in einen Kreislauf der gegenseitigen Geschenke. Sie werden zur Währung, in der Zuneigung gemessen wird, wenn Beziehungen durch Verunsicherung, nicht durch Vertrauen geprägt sind. Solche Geschenke haben einen Preis, der den materiellen Wert weit übersteigt! Wie kostbar können selbstgemachte Kleinigkeiten, ein persönlicher Gruß zur rechten Zeit sein, wenn diese Geste einfach ein Ausdruck der Freundschaft ist, mich nicht in Frage stellt, sondern in schwierigen Zeiten stützt. Ich spüre in den Zeilen: Hier sieht jemand meine Situation, hat sich Gedanken um mich gemacht. Eine Blume aus dem eigenen Garten, ein Stein oder eine Muschel, sie sind kostenlos, aber bestimmt nicht umsonst.

Für Paulus liegt genau darin das Geheimnis des Glaubens: Gott selbst hat der Aufrechnerei ein Ende gesetzt, weil er uns gratis beschenken wollte. Jahrhunderte später brachten seine Zeilen die Lebenswende für einen Mönch, als er diese Worte von Gottes Gerechtigkeit und Liebe als an sich persönlich adressiert verstand. Die Konsequenzen dieser Erkenntnis wollte er auch mit Kollegen und Studenten diskutieren und hängte seine Thesen dazu am 31. Oktober 1517 aus...

Uns wird in diesem Jahr ein freier Tag geschenkt, damit wir miteinander Gottes Zuwendung zu uns feiern können. Einen gesegneten Reformationstag wünscht Ihnen

Ihre Dr. Vera Christina Pabst,
Pastorin in Bokeloh und Wunstorf