Friede – gejagt und erlegt? - 5.1.19

Friede ist etwas Schönes. Und noch mehr als das: Friede und die damit verbundene Unversehrtheit ist ein Grundbedürfnis des Menschen. Jeder Mensch wünscht sich Frieden – in jeder Größenordnung: Ob zwischen Völkern, Religionen oder auch zwischen Nachbarn und in den Familien. Und auch, wenn wir uns den Frieden herbeisehnen, ist er doch in unserer Realität nicht immer, was unser Ego verlangt. Denn der Friede zwischen mehreren Parteien basiert auf einem Kompromiss und das erfordert Zugeständnisse. Während es beim Konsens um Übereinstimmung geht, gibt beim Kompromiss jeder etwas auf. Und so muss beim Frieden jeder etwas aufgeben. Sind wir immer dazu bereit?

Wir können immer wieder merken, wie der künstliche Friede uns unglücklich macht – zu Weihnachten zum Beispiel. Ein Freund berichtete mir, wie furchtbar der zweite Weihnachtsfeiertag war mit einem enormen Streit mit einem schizophrenen Schwager. Da gibt es das Bedürfnis, zu Weihnachten „gemütlich zu sein“ und es gibt keinen Frieden. Ist das schlimm?

Die Jahreslosung, die uns durch das Jahr 2019 begleiten soll, steht im Psalm 34 und lautet „Suche Frieden und jage ihm nach!“ Zuerst dachte ich, dass das ein toller Begleiter ist. Aber dann kam die Frage: Will ich den Friede jagen, so wie ich den Begriff jagen verstehe? Was passiert, wenn ich ihn gejagt habe? Wer auf die Jagd geht, erlegt meistens auch. Und das hat mit Frieden so gar nichts zu tun.

Suche den Frieden – das mache ich sehr gerne. Aber um jeden Preis? Ist es nicht manchmal besser, auch Konflikte auszutragen, das, was der Volksmund das „reinigende Gewitter“ nennt? Man kann streiten: enthusiastisch und emotional. Und sich vertragen, weil ich meine(n) Gegenüber wertschätze. So kann ein Streit zum Friedensuchen beitragen, wie auch unser Bundespräsident in der Weihnachtsansprache sagte: „Sprechen Sie mit Menschen, die nicht ihrer Meinung sind.“ Das weitet den Horizont und schafft Verständnis; das Verständnis führt zu Frieden. Ohne Jagd, sondern ganz unaufgeregt und gut für die Seele. Ein menschliches Grundbedürfnis.

Prädikant Jörg Mecke, Idensen