Es geht jemand ein Stück des Weges mit…. - 27.4.19

Frau A. ist verbittert, fühlt sich zu kurz gekommen im Leben und pflegt ihre Vorurteile genauso wie ihre Gewohnheiten. Sie ahnt, dass etwas nicht rund läuft. Aber sie findet die Ausfahrt aus ihrer Verwirrung nicht. Die Menschen um sie herum haben sich im Laufe der Jahre einen Umgang mit ihr angewöhnt, der relativ pflegeleicht ist: Sie überhören ihre Nörgelei und versuchen sie auf die positiven Seiten ihres Lebens hin anzusprechen: „Dir geht es doch gut. Sei doch nicht so unzufrieden. Das wird schon wieder.“ Dann wird sie still – und an ihrer Unzufriedenheit, manchmal auch Verzweiflung, ändert sich nichts.

Eines Tages trifft Frau A. auf einer längeren Busreise auf eine ihr unbekannte Frau. Sie haben den Mut und erzählen sich voneinander. Die andere fragt, warum Frau A. unzufrieden ist. Und sie hinterfragt, wo das Gefühl bei ihr herkommt, zu kurz zu kommen. Die Unbekannte macht keine Beschwichtigungsversuche und sie sagt keine Floskeln. Frau A. hat den Eindruck, dass jemand sie versteht. Sie spürt, jemand hält sie aus mit ihren Schrulligkeiten – wenn auch nur für die Dauer einer gemeinsamen Busreise.

Wieder zu Hause angekommen, entdeckt Frau A. noch andere Seiten in sich, sie kann sich selber besser verstehen. Sie lässt die Begegnung in ihr nachklingen. Bisher hatte niemand aus ihrer Umgebung den Mut, mit ihr auf ihre Schattenseiten zu blicken. Jetzt kann sie einen Schritt weiter gehen. Sie wurde verstanden, ihr wurde zugehört. Ein neues Gefühl. Nun spürt sie, wie eng und eingesperrt sie in den letzten Jahren gelebt hat. Nur ein kleiner Baustein hat ihr zum Glück gefehlt: Dass ihr jemand unvoreingenommen begegnet, mit ihr das Dunkle aushält, ohne gleich Antworten oder gut gemeinte Sätze parat zu haben.

So gut hat sich die Begegnung angefühlt, dass Frau A. beschließt, diesen eingeschlagenen, neuen Weg weiter zu betrachten. Sie denkt darüber nach, wie gut es ihr täte, Gesprächspartner zu haben, die zuhören ohne zu werten. Wie in der kirchlichen Beratung, in der Hoffnung aufkeimen kann und sich der Mensch in seiner Ganzheit sehen und verändern kann.

Diakonin Gunhild Junker, Mitarbeiterin der Lebensberatung für Einzelne, Paare und Familien der Ev.-luth. Kirchenkreise Grafschaft Schaumburg und Neustadt-Wunstorf