Ein Mensch unter Menschen - 8.4.17

Als er kam wurde er begeistert begrüßt. Die Leute erwarteten viel von ihm.  Einer der den Mund aufmachte. Der die Dinge beim Namen nannte. Keine Scheu hatte die Herrschenden anzugehen. Der für die Menschen des Volkes da war. Sie verstand, und sie verstanden ihn. Dachten sie. Es hatte sich herumgesprochen, dass er die kleinen Leute beachtete. Dass er für Kranke da war, für Leidende ein Ohr hatte, sich gegen Unrecht einsetzte. So feierten sie ihn. Bereiteten im einen großen Empfang, dem neuen Hoffnungsträger.

Und dann tat er, was er sagte. Räumte auf mit alten Vorstellungen, mit gewohnten Traditionen, mit dem vertraut Üblichen. Keine Opfer mehr! Er schmiss die Tische der Geldwechsler um, jagte die Händler aus dem Tempelhof, ließ die Opfertiere frei. Randale im Heiligtum.

‚Wie?’, fragten die Menschen, ‚Sollen wir kein Fest mehr feiern wie immer, gibt es keinen Opferbraten mehr wie seit Moses Zeiten, kein Festtagslamm?’

Und die Herrschenden gewannen wieder die Macht zurück, streuten falsche Informationen, verbreiteten Lügen über ihn, kippten die Stimmung.

Plötzlich schrien die ersten: ‚Kreuzigt ihn!’, dann alle. Da hatten die Mächtigen leichtes Spiel.

Und seither fragen sich und mich immer wieder Menschen, warum Gott das zulässt, soviel Leid und Unrecht in der Welt, Krieg und Zerstörung, Hunger und Ungerechtigkeit und diese schlimme Krankheit.

Müsste er da nicht eingreifen, wenn es ein liebender Gott ist?

Hat er doch, sage ich dann, er hat doch seinen eigenen Sohn geschickt, als Mensch unter Menschen. Aber die haben ihn ans Kreuz genagelt.

Und tun es noch und immer wieder. Wo sie nicht Mensch unter Menschen sind, sondern sich selbst als besser sehen, besser als die anderen.

Wo wir weggucken, wenn Menschen leiden, hungern. Wo wir Ängste schüren vor dem Fremden. Wo wir meinen, wir wären gerecht, aber so viele andere ungerecht.

Wenn das Volk entscheiden soll, dann gilt nicht Recht und Gesetz, zählen nicht Fakten und Wahrheiten. Dann wird Stimmung gemacht, werden Ängste geschürt, Gefühle manipuliert, Lügen verbreitet. Dann muss ein einfaches Ja oder Nein reichen, ein schnelles Dafür oder Dagegen.

Als wenn die Welt so einfach wäre. Darum ist das Sichabgrenzen und andere Ausgrenzen, das Trennende immer naheliegender, als das Miteinander, das Menschliche. Denn die Suche nach dem Gemeinsamen, dem Verbindenden braucht einen eigenen Standpunkt und die Anerkennung des anderen. Dann gibt es ein Leben miteinander, als Mensch unter Menschen.

Zwischen dem jubelnden Einzug Jesu, dem ‚Hosianna dem Sohne Davids’  und dem aufgebrachten ‚Kreuzigt ihn!’ lagen nur wenige Stunden. So schnell kann sich Volkes Meinung drehen. Um was drehen wir uns, und was dreht uns in dieser Karwoche, auf Ostern hin?

Ele Brusermann, Pastor im Kirchenkreis Neustadt-Wunstorf