Du kannst nicht tiefer fallen - 15.6.19

Liebe Lesende,

gerade habe ich eine Trauerkarte geschrieben und versucht, angemessene, vielleicht sogar tröstende Worte für den zurückgebliebenen Ehemann zu finden. In der Gemeinde, in der ich bis vor gut einem Jahr als Pastorin tätig war, ist eine ehrenamtliche Mitarbeiterin verstorben. Ich erinnere mich noch gut an die Anfangszeit der schweren Erkrankung. An das Erschrecken der ganzen Familie und das Entsetzen, selbst betroffen zu sein. Dann kam das Bangen nach der Operation, die Qualen von Chemotherapie und Bestrahlung und im weiteren Verlauf dann der ständige Wechsel zwischen Hoffnung und neuer Hiobsbotschaft. Nun ist das Ende da, der Tod und damit das Gefühl, verloren zu haben – gegen die Krankheit, gegen den eigenen Körper. Mit diesem Verlust einher geht die bittere Erkenntnis, dass es Gegebenheiten im Leben gibt, bei denen wir mit unseren  Möglichkeiten am Ende sind. Der Tod beleidigt das Lebensgefühl des modernen Menschen, alles in der Hand zu haben und immer entscheiden zu können, wie es weitergeht mit mir und meinem Lebensweg. Freiheit und Selbstverwirklichung sind Grenzen gesetzt in solchen Zeiten. Das ist schmerzhaft und manch einer wird bitter darüber. Verständlich! Denn gerade, wenn Krankheit und Tod gefühlt vor der Zeit kommen, stellt sich nicht selten Frage: Warum ich? Warum mein Lebenspartner? Beantworten lässt sich diese Frage nicht befriedigend. Weiter bringt sie auch nicht – aber menschlich ist sie. Wie können wir umgehen mit der eigenen Endlichkeit und der unserer Lieben? Manche probieren es mit Ignorieren - solange es eben geht. Andere halten es mit den Ansätzen der fernöstlichen Religionen -  und hoffen auf ein neues irdisches Leben in anderer Gestalt. Christlicher Glaube bietet die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod an – nicht als Vertröstung, dass es im nächsten Leben schon besser wird, sondern als Perspektive für dieses Leben – in guten, aber eben auch in schlechten Zeiten. Meine ehemalige Mitarbeiterin hat in dieser Hoffnung Trost gefunden im Alltag des Lebens, aber eben auch im Sterben. Sie konnte loslassen und sich fallenlassen in die Hände dessen, von dem sie sich getragen und gehalten fühlte.

„Du kannst nicht tiefer fallen, als nur in Gottes Hand, die er zum Heil uns allen barmherzig ausgespannt.“ Evangelisches Gesangbuch 533 – Weiterlesen lohnt sich!

Nikola Lenke, Schulpastorin am Hölty-Gymnasium