Deutsche Identität- 18.11.17

Endlich mal Schluss machen mit dem Gedenken, die alten Geschichten und die Vergangenheit ruhen lassen! Ein verlockender Gedanke.

Ich habe von einem gehört, der das gemacht hat. Er hat sich sein Erbe auszahlen lassen. Nun war es kein Erbe mehr sondern einfach nur noch Besitz. Damit ließ sich die Zukunft gestalten. Er zog von zuhause aus, brach alle freundschaftlichen Kontakte ab, verabschiedete sich von seinem Leben.

Gedenktage schienen im blöd und sinnlos. Wozu Geburtstag feiern, wenn er doch jeden Tag neu ins Leben starten wollte. Welchen Sinn hätte es, an den Todestag seines Großvaters zu denken oder an den Hochzeitstag seiner Eltern. Alles zu rückwärtsgewandt war das doch. Er wollte nach vorne schauen.

Bis er sich in der Gosse wiederfand, wo er sich von Schweinefutter ernährte und mit Gelegenheitsjobs über Wasser hielt. Da kam ihm die Vergangenheit gar nicht mehr so übel vor. Ein Gedenktag der besonderen Art war das für ihn. Nicht schön aber hilfreich. Und er machte sich auf, um nach Hause zurückzukehren und an sein altes Leben anzuknüpfen. (Vergleiche die Bibel, Lukas 15, 11-32.)

Dieser junge Mann hat seine Identität erst gefunden, als er sich seiner Vergangenheit gestellt hat. Es ist nicht die einzige Geschichte in der Bibel, die mir dies erklärt: Ich werde nur zu mir finden, wenn ich auch nach hinten sehe. Ich bin Christ nur, wenn ich zurück blicke. Dabei muss ich mich auch den dunklen Erinnerungen stellen. Wir Christen haben Kreuzzüge organisiert, Hexen verbrannt und Andersglaubende verfolgt. Auch das macht uns aus. Leider.

Als Deutscher gehört es zu meiner Identität, dass ich aus dem Land von Goethe und Martin Luther stamme. Einem Land, das den Sozialstaat hervorgebracht hat und Künstler wie Bach und Campino, Brecht und Rammstein. Aber von hier sind auch Kriege ausgegangen, Mord und Leid. Dieser Erinnerung stellen wir uns morgen am Volkstrauertag. Er hilft uns dabei, echte Deutsche zu bleiben, die aus der Geschichte lernen wollen.

Andreas Behr, Pastor und Dozent für Konfirmandenarbeit am Religionspädagogischen Institut Loccum