Der Strohhalm kommt auch in die Vase - 20.1.18

„Der Strohhalm kommt auch in die Vase. Da steht schon einer drin , den ich früher mal aus der Krippe mitnahm. Manchmal streichle ich ihn. Nun habe ich zwei, die mich hin und wieder aufrichten und mir Mut machen.“ Das sagte eine Besucherin beim Verabschieden nach dem Epiphanias-Gottesdienst, und sie war nicht die Einzige mit dem Halm in der Hand. - Im Mittelpunkt des GD hatte noch einmal die Krippe gestanden. Dazu gehörte die Geschichte vom Krippenspiel einer Gemeinde, in dem man die Besetzung von 3 Königs-Rollen vergessen hatte und spontan um Mitmach-Bereitschaft bat. - Bei uns waren nun die 3`Last minute-Könige`an die Krippe heran getreten. Sie kamen nicht mit kostbaren Geschenken, sondern mit leeren Händen und schilderten ihre jeweilige Lebenssituation. Der Erste legte seine Gehhilfe darauf ab und dankte dem Kind in der Krippe für die unerwartete  und so sehr herbei gesehnte Heilung „Ab jetzt sollst du mein Halt sein“. Der Zweite war eine Königin, die das erneute Ja zu ihrem anstrengenden, oft eintönig empfundenen, Familien-Alltag brachte .“Ich möchte dich, Kind in der Krippe, mit hinein nehmen in mein jetziges Leben.“ Der Dritte schilderte sein Leben voller Unruhe und Angst „Ich zweifle an so ziemlich allem, auch an dir, Krippenkind. Mein Herz ist voll Sehnsucht nach Vergebung, Versöhnung, Geborgenheit und Liebe. Ich bin gespannt, was du für mich bereit hältst.“ Tief beeindruckt von diesem unerwarteten Königs-Auftritt stand eine fast bedrückende, Sprachlosigkeit im Raum, bis Josef (das wurde bei uns nur erzählt) spontan zur Krippe ging, einen Strohhalm herausnahm, ihn dem 3.König in die leeren Hände gab und sagte „Das Kind in der Krippe ist der Halm, an den du dich klammern kannst.“ Weil die GD-Besucher spürten, dass wir alle mehr oder weniger Könige mit leeren Händen waren, trotz voller Taschen, kam es zu dem vorgeschlagenen Krippen-Gang, sich einen Strohhalm mitzunehmen. Uns allen wurde deutlich, dass es ganz und gar keine Schande ist, mit leeren Händen dazustehen, sondern geradezu die Voraussetzung dafür, dass man etwas entgegen nehmen kann. Gott beschenkt uns – und nicht nur zu Weihnachten- auch in diesem neuen Jahr!

Prädikantin Ursula Wiebe, Schloß Ricklingen