Andachten 2019

Andachten im Wunstorfer Stadtanzeiger 2019

Den Titel eines Liedes werden viele vielleicht kennen, den weiteren Text vielleicht nur wenige. Ist Ihnen schon mal ein Wunder wiederfahren? So viele wie den Titel kennen, kennen bestimmt auch das Wunder von Bern und verbinden damit etwas. Wirtschaftswunderland Deutschland, Fußballwunder, Wunderglaube, wunderschön, wundervoll. In unserer Sprache kommen Wun-der oft vor, aber glauben sie an Wunder? 51% der Deutschen tun das, so konnte man vergangenes Jahr in einer Umfrage nachlesen.

Aber, was ist denn ein Wunder? Die Schönheit der Natur und, dass es unsere Erde immer noch gibt, sagen manche. Andere sagen: Das es in den uns bekannten Galaxien nur bei uns auf der Erde hochentwickeltes Leben gibt. Wieder andere sagen: manche Heilungen sind ein Wunder, selbst die Ärzte hatten mich schon aufgegeben. In der Tat: „Wunder gibt es immer wieder. Heute oder morgen können sie geschehen.“ Werden wir die Wunder wahr-nehmen? Vielleicht gehören sie aber ja auch zu den 49%, die nicht wissen, ob sie an Wunder glauben sollen oder die sagen: „Ich glaube nur, was bewiesen werden kann.“ Wäre ein Wunder, noch ein Wunder, wenn man es sezierte? Von überall betrachtete und erklären könnte? Wahrscheinlich schon, nur weni-ger faszinierend unter Umständen oder auch weniger „Wunder“-schön.

Die Bibel erzählt sehr viele Wunder. Neben denen, von der Heilung von Men-schen kommen ganz andere vor. Das größte unter allen scheint mir immer noch dies: Menschen können einander verstehen oder nicht verstehen – ganz unabhängig davon, ob sie dieselbe Sprache sprechen oder nicht. Menschen können einander verstehen, weil die Chemie stimmt, sie einander riechen kön-nen oder sich sympathisch sind.

Was tun, wenn wir Dinge nicht erklären können, aber doch anderen davon erzählen möchten? Was ist eine Sprache, eine Möglichkeit, sich anderen unabhängig von Sprache mitzuteilen? Viele sagen: Die Musik ist eine univer-selle Sprache, selbst, wenn ich eine Musik nicht mag, kann ich erkennen, ob sie Angst, Verzweiflung, Größe, Schönes, Böses als Gefühl transportiert. Jeder Krimi, jeder Thriller, jede Liebesgeschichte im Film lebt davon, dass das funktioniert.

„Singt dem HERRN ein neues Lied; denn er tut Wunder.“ – Kantate, Singt! So heißt der kommende Sonntag. Wenn ihr nicht erzählen könnt, was Euch bewegt, fasst es in Musik, teilt es aber auf jeden Fall anderen mit: Gott tut Wunder. Früher hat er sie getan und heute tut er sie immer noch. Es wird nicht aufhören. Also seid fröhlich und singt von Eurem Glauben, von den Wundern, die ihr erlebt, vom Wunder des Lebens, des Überlebens, des unauslöschlichen Lebens. „Wunder gibt es immer wieder. Heute oder morgen können sie geschehen. Wunder gibt es immer wieder. Wenn sie dir begegnen, musst du sie auch sehen.“ Einen wunderbar gesegneten, zum Singen anregenden Sonntag wünsche ich.

Heinz Laukamp, Diakon in Idensen

Wie wird das Klima unserer Erde? Abholzung von Regenwäldern in großem Maßstab; Anstieg des Meeresspiegels; Artensterben. Wie kann die Zukunft aussehen? Schüler und Schülerinnen demonstrieren weltweit für den Klimaschutz unter dem Motto  „Fridays for future“ (Freitage für die Zukunft). Es geht um die Zukunft unserer Erde. Was kann, was muss geschehen? Auf den ersten Blick scheint die Antwort einfach: Papier statt Kunststoff verwenden, Öffentlicher Personennahverkehr statt PrivatPKWs, Eisenbahn statt Flugzeug, Fahrrad statt Auto. Wer sich dann intensiver mit der Frage beschäftigt, wie ein Leben aussehen kann, das möglichst nachhaltig ist, merkt, dass es keine einfachen Antworten gibt. Die Umweltbilanz von Papier ist nicht immer besser als die von Kunststoff. Anderes Beispiel: der öffentliche Personen-Nahverkehr im unserem eher ländlichen Raum in der jetzigen Form kann kaum ein Ersatz für private PKWs sein.

Wir haben offensichtlich nicht mehr viel Zeit zum Umsteuern. 

Es ist bemerkenswert, dass es etliche Bibelworte gibt, die den hohen Wert der Schöpfung beschreiben. In Psalm 19 lesen wir: „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes, und die Feste verkündigt seiner Hände Werk.“

Die Erde wird als Bild betrachtet, in dem sich Gottes Herrlichkeit spiegelt. Die Schöpfung versteht die Bibel als Auftrag an uns Menschen, sie zu bebauen und zu bewahren. Darum ist Klimawandel auch ein Thema in den Kirchen – und damit in dieser Andacht.

Dabei geht es nicht nur um Bewahrung der Schöpfung, sondern ebenso um den Blick zu Gott, zu dem, der sich uns zuwendet und von dem wir leben.

In diesen Wochen werden in den evangelischen Kirchen junge Menschen konfirmiert, sie bestätigen ihr Taufe. Sie haben sich in den zurückliegenden Monaten mit Fragen nach Gott und ihrem Leben beschäftigt – manche von ihnen dürften freitags für Klimaschutz mitdemonstriert haben. Es geht um die Zukunft dieser Welt für die zukünftigen Generationen – mit Gott. Darum lohnt sich jede Mühe für den Klimaschutz.

Friedrich Kanjahn, Pastor in Mardorf und Schneeren

 

Überrascht war ich, wer diesen Satz gesagt hat. Das war kein Schriftsteller oder berühmter Kirchenvater, überhaupt niemand, der uns über Sprache bekannt ist. Leonardo da Vinci hat diesen Satz gesagt. Sein Todestag hat sich gerade am 2. Mai zum 500. Mal gejährt. Leonardo da Vinci - da denke ich an Bilder und Farben, an Stille im Museum - kaum an Worte. Und doch: diese fünf Worte haben es in sich: „Wer wenig denkt, irrt viel“. Ich denke über diese Worte von ihm nach - 500 Jahre später und in einer Zeit, in der es unendlich viele geschriebene Worte gibt und in der Kommunikation über neue Medien ganz anders läuft als es sich Leonardi da Vinci in seiner Zeit wohl jemals hätte vorstellen können. Eigentlich erwarte ich von einem Maler kaum gesprochenes Wort. Und doch - wenn ich darüber nachdenke - scheint mit dieser Satz sehr gut zu einem Maler zu passen. Ich stelle mir jedenfalls vor, dass ein Maler während der vielen Stunden, in denen die Idee für ein Kunstwerk entsteht, die ersten Studien erstellt werden und schließlich das eigentliche Bild entsteht, viel Zeit zum Denken hat. Und diese Gedanken teilt der Maler uns in seiner Sprache der Farben und Formen mit.

Sein berühmtestes Bild - von dem er sich übrigens zu Lebzeiten nie getrennt hat - ist die Mona Lisa, die auch heutzutage täglich von unzähligen Menschen angesehen wird. In besonderer Weise hat Leonardo da Vinci hier die Augen gemalt. Mir zeigt dieser Blick auch: erstmal werde ich gesehen und erstmal kann ich schauen - ganz still, ohne gleich ein Wort zu sagen. Natürlich sagt ein Blick manchmal mehr als tausend Worte. Aber ein Blick kann auch zunächst abwartend, geduldig sein, den anderen Menschen ankommen lassen bevor es ins Zwiegespräch geht. Ein Blick kann auch zeigen: ich schaue erstmal, ich denke erstmal - bevor ich rede. Erst Denken, dann reden. Das ist ein guter Ratschlag - gerade in unserer Zeit, in der follower ohne großes Nachdenken den Daumen heben und Twitternachrichten sich über die ganze Welt verbreiten, bevor der Wahrheitsgehalt geprüft worden ist.

„Wer wenig denkt, irrt viel.“ Der Satz enthält in seiner Schlichtheit eine große Lebensweisheit. Denken braucht Zeit. Denken braucht auch fundierte Information, gute Kenntnisse, Wissen, Hören, Lesen,  Ruhe, Raum. Denken kann auch gut gelingen, wenn ein Team sich austauscht, Argumente abwägt, von verschiedenen Seiten ein Problem betrachtet, um zu einer guten, konstruktiven Lösung zu gelangen. Erst hören, wahrnehmen, genau hinsehen und die Folgen abwägen, dann handeln. Erst denken, dann reden. Und viel denken, um wenig zu irren - was für eine gute Empfehlung über die Jahrhunderte hinweg!   

Der Gottesdienst am Sonntag bietet Zeit, Stille, einen besonderen Raum und Gottes Wort, um unser Denken immer wieder neu anzustoßen und auszurichten.

In diesem Sinne wünsche ich einen gesegneten Sonntag

Christa Hafermann, stellvertretende Superintendentin im Kirchenkreis Neustadt-Wunstorf und Pastorin in der ev.-luth. Kirchengemeinde Kolenfeld

Frau A. ist verbittert, fühlt sich zu kurz gekommen im Leben und pflegt ihre Vorurteile genauso wie ihre Gewohnheiten. Sie ahnt, dass etwas nicht rund läuft. Aber sie findet die Ausfahrt aus ihrer Verwirrung nicht. Die Menschen um sie herum haben sich im Laufe der Jahre einen Umgang mit ihr angewöhnt, der relativ pflegeleicht ist: Sie überhören ihre Nörgelei und versuchen sie auf die positiven Seiten ihres Lebens hin anzusprechen: „Dir geht es doch gut. Sei doch nicht so unzufrieden. Das wird schon wieder.“ Dann wird sie still – und an ihrer Unzufriedenheit, manchmal auch Verzweiflung, ändert sich nichts.

Eines Tages trifft Frau A. auf einer längeren Busreise auf eine ihr unbekannte Frau. Sie haben den Mut und erzählen sich voneinander. Die andere fragt, warum Frau A. unzufrieden ist. Und sie hinterfragt, wo das Gefühl bei ihr herkommt, zu kurz zu kommen. Die Unbekannte macht keine Beschwichtigungsversuche und sie sagt keine Floskeln. Frau A. hat den Eindruck, dass jemand sie versteht. Sie spürt, jemand hält sie aus mit ihren Schrulligkeiten – wenn auch nur für die Dauer einer gemeinsamen Busreise.

Wieder zu Hause angekommen, entdeckt Frau A. noch andere Seiten in sich, sie kann sich selber besser verstehen. Sie lässt die Begegnung in ihr nachklingen. Bisher hatte niemand aus ihrer Umgebung den Mut, mit ihr auf ihre Schattenseiten zu blicken. Jetzt kann sie einen Schritt weiter gehen. Sie wurde verstanden, ihr wurde zugehört. Ein neues Gefühl. Nun spürt sie, wie eng und eingesperrt sie in den letzten Jahren gelebt hat. Nur ein kleiner Baustein hat ihr zum Glück gefehlt: Dass ihr jemand unvoreingenommen begegnet, mit ihr das Dunkle aushält, ohne gleich Antworten oder gut gemeinte Sätze parat zu haben.

So gut hat sich die Begegnung angefühlt, dass Frau A. beschließt, diesen eingeschlagenen, neuen Weg weiter zu betrachten. Sie denkt darüber nach, wie gut es ihr täte, Gesprächspartner zu haben, die zuhören ohne zu werten. Wie in der kirchlichen Beratung, in der Hoffnung aufkeimen kann und sich der Mensch in seiner Ganzheit sehen und verändern kann.

Diakonin Gunhild Junker, Mitarbeiterin der Lebensberatung für Einzelne, Paare und Familien der Ev.-luth. Kirchenkreise Grafschaft Schaumburg und Neustadt-Wunstorf

Wir wissen wenig. Und wissen genau das nicht. Dass wir wenig wissen. Darum halten wir das wenige, das wir wissen, schon für das Ganze. Wir kennen das Leben. Wir kennen den Tod. Und wir meinen, damit schon alles zu kennen. Der Mensch denkt gern in Kategorien von Plus und Minus. Gut und Böse. Licht und Finsternis. So entstehen Meinungen. Etwa: Mag ich. Mag ich nicht. Daraus erwachsen schnell einfache Urteile. Eine zarte Ahnung aber umweht unser Herz. Gibt es noch etwas anderes? Tiefes Erkennen setzt ein, wenn wir eine dritte Dimension mit hineinnehmen. So wie die Elemente Wasser, Erde, Luft immer drei sind oder die Aggregatszustände Eis, Wasser, Dampf oder unsere Sinneseindrücke Sehen, Riechen, Schmecken. Immer drei! So ist es auch mit unserem Leben. Es gibt das irdische Leben. Es gibt den Tod. Und es gibt eine dritte Dimension. Wir nennen sie das ewige Leben. Der Tod steht also in der Mitte. Er ist nicht Schlusspunkt. Er ist Wendepunkt. Nach ihm kommt etwas, das es vorher nicht gab. Menschen mit Nah-Tod-Erfahrungen berichten von einem großen Licht, das sie sahen. Der christliche Glaube erzählt von einem Menschen, der als Gottes Sohn jenes ewige Leben sah und schmeckte. Sein Grab wurde nach seinem Tod mit einem Stein versiegelt. Dieses Siegel brach. Der Steine verschwand. Der Tote betrat den Weg, der zum Himmel führt. Hinüber ins ewige Leben. Wir nennen ihn Christus. Gottes Sohn. Der hat nicht gesagt: „Ich bin die Antwort“. Er hat gesagt: „Ich bin der Weg“. Christus geht uns voran. Und er nimmt uns mit. Er verströmt diesen Geschmack eines besseren, eines anderen Lebens. Ja, Christus erweitert unsere eingeschränkte Vision. Er hebt die verlorenen Fäden unserer Hingabe wieder auf. Lasst uns diese Welt ein kleines Stück schöner machen. Wer Geld hat, der gebe. Wer Liebe hat, der pflege. Wer Zeit hat, der teile. Wer klug ist, der rede. Schmeckt dieses bessere Leben. Und nehmt es in dieses irdische Leben schon mit hinein. So bricht ewiges Leben heute an. Stellt Euch in diesen frischen Morgen eines erwachenden, strahlenden, ewigen Lebens. Und bis zum Ende dieser Welt bleibt Christus bei uns. Bis der letzte auffahren wird zum Himmel. So wie er. Vor nunmehr schon 2000 Jahren.                 

Pastor Tilman Kingreen

„Der Mond ist aufgegangen, die goldnen Sternlein prangen am Himmel hell und klar.“ Als meine Tochter klein war, wollte sie abends immer dieses Lied hören. Und am schönsten war es, die Gardine zurückzuziehen um den Mond tatsächlich zu sehen---- mal als helle Sichel, mal rund und leuchtend.

Tatsächlich fasziniert das Phänomen Mond die Menschen schon seit vielen Jahrtausenden. Kein anderer Himmelskörper bekommt so viel Aufmerksamkeit, über keinen gibt es so viele Mythen. Mit Ehrfurcht und Bewunderung schauten Menschen schon immer zum Mond , und viele meinen– auch wenn es wissenschaftlich in keiner Weise bewiesen ist-, dass der Mond unseren Schlaf, unsere Gesundheit, das Pflanzenwachstum und vieles andere im Leben regelt.

Sicher ist: der Erdtrabant lädt zum Träumen ein und beflügelt die Phantasie. In Liedern wird er besungen, in Märchen und Gedichten kommt er vor--- und mit seinen immer wiederkehrenden Veränderungen wurde er schon in den alten Kulturen zum Zeitmesser.

„Du hast den Mond gemacht, das Jahr danach zu teilen“, heißt es in der Bibel in Psalm 104, einem Loblied für den Schöpfer des Himmels und der Erde. Der jüdische Kalender richtet sich bis heute nach den Mondphasen, und auch unser Kirchenjahr hat dadurch seinen Rhythmus bekommen.

Morgen am Sonntag feiern wir in den Kirchen Palmsonntag. Wir hören dann wieder, wie Jesus bei seinem triumphalen Einzug nach Jerusalem wie ein König begrüßt wird. Doch die Tage seines Leidens und Sterbens stehen bevor: Gründonnerstag, Karfreitag – ein Weg, der schließlich auf Ostern hinführt. Auch dass in diesem Jahr das Osterfest so spät liegt, hängt mit den Mondphasen zusammen.

Der Mond als Zeitmesser- vielleicht sollten wir einfach mal wieder in den Nachthimmel schauen und uns am Dasein des Mondes erfreuen. Im Judentum wird einmal im Monat ein Mondsegen gefeiert. Dabei ist völlig klar, dass nicht der Mond selbst verehrt wird, sondern der, der ihn geschaffen hat, wenn mit Psalm 108 gebetet wird: „Lobet im Himmel den Herrn, lobt ihn in der Höhe! Lobt ihn, Sonne und Mond, lobt ihn, alle leuchtende Sterne!“

Erce-Inga Frost, Lektorin in Wunstorf

Jetzt mal ehrlich: Wie viele Schritte haben Sie gestern zurückgelegt?

Der Schrittzähler meiner Schwägerin fasziniert die Kinder. Sie meinen, wenn sie so was am Handgelenk hätten, würden sie zu Sportskanonen mutieren. Und die Schwägerin zeigt stolz, dass sie die 10000 schon um 17 Uhr erreicht hat. „Und das ganz nebenbei, ohne dass ich Extrazeit im Fitnessstudio verloren habe!“

Hm, denke ich, ist Sport verlorene Zeit? Ist ein Spaziergang, an dem ich die frische Luft genieße, herumtrödele und die Vögel singen höre, überholt? Der Trend zur Selbstoptimierung auch im Privaten ist seit einigen Jahren gleichbleibend stark. „Warum auch nicht?“ sagen Sie vielleicht. Viele Menschen fühlen sich einfach besser, wenn sie etwas für ihr Auftreten, ihre Figur, ihr Image tun. Aber wem bringt dieser Trend etwas ein? Der Schönheitsindustrie, Sportindustrie, Ratgeberindustrie. Auch das wäre ja nicht so schlimm, wenn sie mir nicht das Geld aus der Tasche ziehen würden, noch dazu mit dem fiesen Trick, mir einzureden, dass ich so, wie ich bin, nun wirklich nicht in Ordnung bin. Alles auf der rein äußerlichen Ebene.

Warum können wir nicht mal einem Optimierungstrend nachlaufen, der zum Ziel hat, weniger zu konsumieren, sparsam mit Autofahren und Heizen umzugehen oder aufs Fliegen zu verzichten? Wir könnten versuchen, die Größe unseres ökologischen Fußabdrucks zu verkleinern oder den Welterschöpfungstag vom 1.8. auf einen späteren Zeitpunkt zu setzen. Das wär doch mal was! Und als Pastorin kann ich nur sagen: Meine Seele braucht etwas ganz anderes, als nach Leistung oder Aussehen beurteilt zu werden. Sie braucht das Gefühl der Anerkennung ohne Bedingungen.

Ein bisschen reizt mich so ein Schrittzähler ja schon. Vielleicht probiere ich ihn einfach mal aus. Schließlich kommt er schon in der Bibel vor: „Zählt Gott nicht alle meine Schritte?“ Hiob (31,4) ist sich sicher, dass Gott ihn durchs Leben begleitet. Ja, das tut er. Aber ohne 10000 vor 17 Uhr zu erwarten!

Susanne von Stemm, Pastorin in Bokeloh

Nun will ich wieder raus und laufen- heute ganz bestimmt. Ich will am Nordsee-Lauf teilnehmen, der vom Dienst „Kirche im Tourismus“ mit organisiert wird. Ich freue mich schon auf die Andacht auf der Fähre nach Norderney oder am Strand vor dem Lauf. Aber heute fehlt meine Motivation. Das ist schlecht. So werde ich wieder eine Phase im Lauf erleben, in denen die Kräfte schwinden. Die Abschnitte, in denen ich kämpfen muss um den Anschluss zu halten. Bei jeder Strecke kommt der Durchhänger an einer anderen Stelle. Meistens dann, wenn man schon einiges hinter sich hat und das Ziel immer noch weit weg ist. Bei den 5000m ist es vielleicht der vierte Kilometer, in den ein Durchhänger fällt und ich weiß, jetzt entscheidet es sich, ob ich eine gute Zeit laufe. Es gehen einem Gedanken durch den Kopf: Kann ich dranbleiben? Soll ich zurückstecken? Und manchmal passiert es in dieser Phase der äußersten Belastung und Anstrengung, dass es besser läuft, dass es einfach rollt. Der Organismus passt sich an die starke Belastung an, er mobilisiert alle Kräfte, man denkt: das Training hat sich doch gelohnt.   Die Marathonläufer nennen dies einen zweiten Wind.

Mir fällt ein Satz aus der Bibel ein, den viele KonfirmandInnen auswählen: „Die aber, die dem Herrn vertrauen, schöpfen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie gehen und nicht müde werden.“ (Jesaja 40,31)

Im Leben sind Durststrecken normal. Da gibt es keinen, der nicht irgendwann einen Durchhänger hat. Bei niemandem läuft alles glatt. Da gibt es Schwierigkeiten in der Familie, Probleme mit dem Chef bei der Arbeit oder in der Schule. Oder es kommt härter: ich falle durch eine Prüfung oder bekomme einen Job nicht.

Beim Laufen hilft es mir, mich an jemanden dran zu hängen, der oder die einen durch die Durststrecken hindurchzieht.  Auch außerhalb der Lauftstrecke brauche ich einen, der mir beisteht. Einen, der auf der Durststrecke am Weg steht, mich anfeuert, einen Becher Wasser reicht und mir neue Kraft gibt, genau so kommt Gott zu uns und macht uns das Angebot seiner Begleitung.

Ziehen Sie nun gerne ihre Laufsachen an und nehmen den Gedanken mit auf den Weg.

Diakon Stefan Krüger

„Oh, guck mal, ein gelber Schmetterling an eurem Busch“ rief ein kleiner Nachbarjunge, der mich im Garten arbeiten sah. Barfuß am 14.Februar 2019! Erstaunt sah ich auf seine Füße „Ach, so kann ich doch die Erde richtig spüren, die ist schon voll mit Frühling. Am liebsten würde ich immer so laufen. Jetzt fliegt da ein weißer Schmetterling, ganz hoch, der will dem lieben Gott bestimmt Danke sagen, weil es schon so warm ist. Fröhlich lief er ihm nach. Bisher hatte ich dankbar bei meiner sonnigen Arbeit Schneeglöckchen, Winterlinge und den ersten Krokus betrachtet und mich an dem Natur-Erwachen gefreut. Doch jetzt schweiften meine Gedanken plötzlich ab, und ich erinnerte mich an den Barfuß-Mann, den ich in einer Reha-Zeit, auch im Februar, kennengelernt hatte. Ich besuchte dort einen Gottesdienst in der Auferstehungs-Kirche. Beim Eintreten fiel mir eine Frau mit dunklen Haaren auf, die ganz aufrecht in der Kirchenbank saß. Bald merkte ich, dass sie zum Inventar gehörte. (Erinnerung an die Ausstellung `Besondere Frauen` in der Stiftskirche) Nach dem Gottesdienst wollte ich sie einmal näher betrachten. Wie interessant müsste es sein, wenn diese Figur von allem um sie herum erzählen könnte! Ganz in Gedanken stand ich davor und hörte plötzlich „Begrüßen Sie gerade unsere treueste Gottesdienstbesucherin?“ Neben mir stand der Herr mit dem langen Wollmantel und den Barfüßen, der mir schon beim Reinkommen aufgefallen war.“Ja, sie gefällt mir, aber noch begeisterter bin ich von dem riesigen bunten Chorfenster hinter dem Altar.“ Er nickte und bestätigte, dass es ein wunderbares Kunstwerk sei. Für mich war das Betrachten in dieser Stunde ein Genuss. Wie eine Predigt wirkte es auf mich: In einer Mandorla der Auferstandene, darunter ein Engel, nach oben zeigend. Über ihm das Lamm, das die Sünde der Welt trägt, ringsum Maria mit Kind, die Kreuzigung und das offene Felsengrab, zusammengefügt aus unzählig vielen kleinen Glasteilen. Hier einen Ostergottesdienst erleben! Während ich mir das ausmalte, hatte ich wohl auf die nackten Füße gestarrt. „Nicht wundern, ich laufe das ganze Jahr über barfuß, genau wie unser Herr auf dem gläsernen Kunstwerk. So bin ich ihm und auch der Erde, seiner Schöpfung, näher und kann ihn spüren.“ An diesem Sonntag konnte ich IHN auch ganz besonders spüren, sogar mit Strümpfen und Schuhen. Viel Freude zum echten Frühlingsanfang!

Ursula Wiebe  Schloß Ricklingen

 

Mein Kind ist ausgezogen. Dadurch wurde es zuhause leiser, ruhiger und leerer.

Der Anlass war allerdings ein schöner. Es hat ein Studium in einem anderen Bundesland begonnen.

Am Anfang war jedoch nichts wirklich einfach. Weder für mein Kind, noch für mich. Das lag nicht an der Wahl eines MINT Faches, das bekanntermaßen nicht leicht ist, sondern am Heimweh meines Kindes.

In den ersten Wochen wurde ernsthaft der Wechsel zum heimatnahen Studium erwogen und diskutiert. Herzzerreißende Nachrichten trafen ein. Ganz allmählich wichen sie aber diversen Fotos der Studentenküche.

Inzwischen kommen nur noch zuversichtliche und positive Informationen. Einen nicht unerheblichen Anteil daran hatte meine Ma. Auch sie war, ob der offensichtlichen Unzufriedenheit, unglücklich. Trotz des hohen Alters meiner Eltern, hatten sie den Plan, ihm die Ankunft in der schönen Wohnung in neuer Umgebung zu erleichtern. Dazu packten sie monatlich ein Care-Paket mit unterschiedlichem Schwerpunkt. Von Nahrung wie Nudeln, Dauerwurst und Keksen über Lernmaterial zu Putz und Reinigungsmitteln. Anfang des Jahres lief die Unterstützung dann aus. Das hatte zwei Gründe: leider sind meine Eltern nicht mehr mobil genug, andererseits ist das erste Jahr vorbei.

Das Ende war dann aber noch ein High-Light. Meine Eltern entließen ihr Enkelkind mit einem kleinen Büchlein, in dem alle besonderen, gemeinsamen Erlebnisse dokumentiert wurden. In den Seiten mit ganz besonders schönen Erinnerungen lagen Geldscheine, damit sich mein Kind zukünftig selbst versorgen kann und mit Liebe an seine Großeltern denkt.

Ausgerechnet nach dem Erhalt des Päckchens mit Shampoo und Putzlappen erhielt ich von meinem Kind folgende WhatsApp Meldung: „Ich dachte immer, ich hab mir tolle Eltern ausgesucht. Wie es aussieht hast du dir noch tollere gewählt...“

Der Alten Krone sind Kindeskinder, und der Kinder Ehre sind ihre Väter. Sprüche (17:6)

Gunner Linde-Göers, Stiftsgemeinde

Wir leben in einer Gesellschaft, die häufig die Freude verlernt hat. Wir gehen besorgt durch unsere Tage, mit Angst um die Gesundheit, die Arbeitsstelle, den Weltfrieden oder die Umwelt. Und alle Sorgen sind berechtigt. Und gleichzeitig leben viele Menschen in dem immerwährenden gleichen Trott, was Arbeitszeit und -ort, Fernsehgewohnheiten und Tagesabläufe anbelangt. Das schafft Sicherheit, führt zu wenig Überraschungen und ist herrlich komfortabel. Aber ist das alles?

Die „Magie“ des Lebens findet dabei nicht statt. Nicht in der Sorge und auch nicht im üblichen Ablauf. Die „Magie“, also bezaubernde Momente, die uns staunen lassen und die uns Impulse geben, ist da, wo wir überrascht werden. Da sind Sorgen für eine Zeit lang vergessen, da wird ein bisheriges Weltbild infrage gestellt.

Es sind diese Momente, die nicht geplant sind, aber ein Lächeln ins Gesicht oder zumindest Glückshormone in den Körper zaubern, die uns überall passieren können: In den Bürohäusern dieser Welt, bei der Straßenmusik in der Innenstadt, am Steinhuder Meer oder auch in unseren Kirchengemeinden. Nur an einem Ort nicht: Zu Hause, wenn man dort allein ist. Da passiert nichts.

Ich bin immer wieder überrascht, wo und wann ein besonderer Moment auf mich wartet und das Großartige daran ist: man zehrt lange davon, erzählt die Erlebnisse und erinnert sich gerne.

Die aktuelle Fastenzeit, die am vergangenen Mittwoch begann, steht wie jedes Jahr unter dem Motto „7 Wochen ohne“. Bewusst Verzicht üben, um bewusst zu erleben. Manche verzichten auf Fleisch, auf Schokolade, auf Alkohol, auf Fernsehen, auf alles Mögliche. Die „7 Wochen ohne“ können uns aber auch verleiten zu „7 Wochen mit“ – 7 Wochen mit offenen Augen, mit neuen, ungewohnten Erlebnissen und mit der Begegnung mit bisher unbekannten Menschen. Fastenzeit als Bewusstseinserweiterung, das ist urchristlich. Nicht umsonst heißt es in einem bekannten Kirchenlied: Wo Menschen sich vergessen, die Wege verlassen, und neu beginnen, ganz neu, da berühren sich Himmel und Erde, dass Frieden werde unter uns.

Jörg Mecke, Prädikant in Idensen

Ich bin Militärseelsorgerin auf dem Fliegerhorst. Wer schonmal beim Bund war, weiß: Zum Leben in der Bundeswehr gehören Sprüche, z.B., „Wer lacht, hat noch Reserven“, oder „Macht nichts, wenn’s schnell geht“. Ein Spruch, der mir sofort eingeleuchtet hat, ist: „Melden macht frei (und belastet den Vorgesetzten)“. Hier verdichtet sich eine alte Erfahrung: Man kann Probleme, Mißstände etc. an die nächsthöhere Hierarchie-Ebene melden, und damit hat man sie erst einmal vom Tisch, jedenfalls vom eigenen. Der Vorgesetzte darf sich dann damit herumschlagen. Ob das Problem dadurch tatsächlich gelöst wird, ist zwar nicht sicher, aber für einen selbst gilt: Melden macht frei.

Als ich diesen Spruch das erste Mal hörte, habe ich ihn auch auf mich beziehen können, allerdings mit einer etwas anderen Bedeutung. In meiner Arbeit komme ich mit vielen Problemen in Berührung. Bei manchen kann ich helfen, kann z.B. in Konflikten vermitteln, kann auch mal ein Mißverständnis aufklären oder mich bei einem Vorgesetzten für jemanden einsetzen. Aber wenn Angehörige schwer erkranken oder plötzlich sterben, wenn ein Soldat einen Unfall hat und lange ausfallen wird oder wenn die Beziehung zerbricht, dann kann ich für den Soldaten oder die Soldatin da sein, kann zuhören und vielleicht einen weiteren Ansprechpartner vermitteln, aber an der schwierigen Lage selbst ändert sich nichts.

Eines geht allerdings immer: Beten. Das Problem, den Schmerz, die Traurigkeit, die scheinbar aussichtslose Lage an Gott weiter „melden“ und ihn um Hilfe bitten. Das Problem damit meist noch nicht gelöst, jedenfalls nicht sofort – obwohl ich da auch schon erstaunliche Sachen erlebt habe. Aber es gibt so etwas wie einen innerlichen „Melden macht frei“-Effekt. Keiner von uns muss die Lasten allein tragen. Wenn wir für andere beten, bitten wir Gott hinein in die Situation, Gott mit seiner Liebe und seiner Macht und seinem Licht. Und dann wissen wir zumindest eines: Wir sind mit dem Problem nicht mehr allein.

Pastorin Alexandra Dierks

„Wenn man so will, bist du das Ziel einer langen Reise. Die Perfektion der besten Art und Weise, in stillen Momenten leise, die Schaumkrone der Woge der Begeisterung, bergauf, mein Antrieb und Schwung.“

Mit diesem Lied „Ein Kompliment“ von den Sportfreunden Stiller haben wir die Andacht für den 5. Jahrgang in der ersten Februarwoche begonnen.

Am 30. Januar hatte es Zeugnisse – bei uns an der Ev. IGS Lernentwicklungsberichte – gegeben. Das ist für die Schülerinnen und Schüler immer ein aufregender Moment: Eine offizielle Beurteilung, in der steht, wie ich mich im letzten halben Jahr geschlagen habe. Eine Beurteilung der Leistungen. Schwarz auf weiß.

Eine Beurteilung – und gleichzeitig auch eine Anerkennung für das, was geleistet wurde. Hoffentlich haben alle Kinder und Jugendlichen in ihren Zeugnissen auch Lob gefunden. Und Hinweise darauf, was sie besonders gut gemacht habt.

Lob ist wichtig. Jeder Mensch braucht lebenslang und regelmäßig die Bestätigung von anderen: „Das hast du gut gemacht!“, „Das kannst du so toll!“, „Danke für deine Hilfe!“ Und seien es noch so selbstverständliche Kleinigkeiten: Wir können einander gar nicht oft genug positive Rückmeldung geben. 

Wurden Sie heute schon gelobt?

Das, was jeder Mensch kann und wie er oder sie ist, das ist einmalig und kann kein anderer. Jede und jeder hat eigene Stärken – jede und jeder bringt etwas Eigenes für sein Umfeld mit – in der Familie, in der Schule, bei der Arbeit, in der Gesellschaft.

Haben Sie heute schon jemanden gelobt?

Indem wir uns gegenseitig Komplimente machen und anerkennen, dass der andere etwas besser kann als ich selbst, indem wir das machen, geben wir Segen weiter. Und machen den Segen spürbar. Oder, wie Paulus schreibt: „Liebt einander von Herzen als Brüder und Schwestern, und ehrt euch gegenseitig in zuvorkommender Weise.“ (Rö 12,12 GN)

Am Ende der Andacht habe ich den 5.klässlern Komplimente mitgegeben – ausgedruckt auf bunte Zettel. Da stand zum Beispiel:

Du kannst gut zuhören! Du bist ein guter Freund! Du hast Humor! Oder: Du bist mir schon mal eine Hilfe gewesen – danke!

Die Schülerinnen und Schüler haben diese Komplimente bekommen – aber nicht für sich selbst. Sondern zum Weiterverschenken. Sie waren aufgefordert, das Kompliment dann hier an der Schule an jemanden zu übergeben. Oder aber mit nach Hause zu nehmen, um dort jemandem etwas Schönes zu sagen.

Segen geben tut gut – dem Nächsten – und mir selbst.

Franziska Oberheide, Schulpastorin an der Ev. IGS Wunstorf

Liebe Leserinnen und Leser,

von Jesus wird dieser Satz überliefert: „Eure Rede sei Ja ja, nein, nein; was darüber ist, ist vom Bösen.“  Diese Aussage steht in der Bergpredigt, Matthäus Kapitel 5,  Vers 37. Im ersten Moment klingt dieser Satz selbstverständlich: wie soll es denn auch sonst gehen? Bis vor Kurzem erschien mir dieser Bibelvers so. Verständlich, aber nicht unbedingt wichtig.

In den Medien und in Gesprächen habe ich in den letzten Jahren häufiger von „es soll sein“, „vermutlich“ oder ähnliche Worte gehört, obwohl in der Angelegenheit, um die es ging, beweisbare Fakten vorlagen. Soll in einem solchen Fall die Wirklichkeit verschleiert werden? Oder wird eine unklare Ausdrucksweise gewählt, um sich nicht festzulegen?

Eine solche unklare Ausdrucksweise findet sich auch in Zeitungen, besonders in sozialen Medien. Was steckt dahinter? „Fake-News“, also Falsch-Nachrichten? Oder wird nur das als Wahrheit, als Fakt angesehen, was dem einzelnen Menschen nützt?

Manche mögen einwenden, dass man in manchen Fällen sogar von „sollen“ sprechen muss, wenn es  um Tatvorwürfe gegen Beschuldigte geht, das Gericht die Schuld aber noch nicht festgestellt hat. Das ist hier nicht gemeint.

Es geht um Redeweisen im Alltag. Warum scheint es leichter zu sein, eine Tatsache mit einem „sollen“ zu bezweifeln oder zu verschleiern als sich festzulegen? Ist das ein Ausdruck von Unsicherheit? Oder von Vorsicht, keinen eigenen Standpunkt zu nennen, der angreifbar machen könnte?

Auf unklare Aussagen kann sich letzten Endes niemand verlassen. Darum ist es besser, möglichst wenig – und wenn wirklich überlegt – mit „sollen“ zu beschreiben statt als Fakten zu benennen.

So treffen uns die Worte Jesu. Er erwartete damals eine eindeutige Rede, eine klare Aussage und kein Verstecken. Klar Worte können zum Leben helfen.

Friedrich Kanjahn, Pastor in Mardorf und Schneeren

Game of Thrones in der Bibel: David war auf der Flucht vor Saul. Saul war König, aber sein General David war zehnmal so erfolgreich in der Schlacht. Saul schlug tausend, aber David zehntausend, so sangen es die Fans.

Und David floh vor Saul und kam zu König Abimelech. Auf der Flucht vor Saul kommt David zu einem anderen König. Aber der Gesang ist schon vor ihm da.

Die Großen des Abimelech wittern eine Bedrohung für den Thron.

Und was tut David? Er stellt sich dumm. Er stellt sich sogar wahnsinnig. Er tobt. Er rennt gegen den Türrahmen. Er sabbert in seinen Bart.

Als das der König sieht, herrscht er seine Großen an: Ihr seht doch, dass der Mann wahnsinnig ist. Warum habt ihr ihn zu mir gebracht?

Und dann fügt er hinzu, und das ist mein Lieblingssatz der Geschichte: Habe ich denn zu wenig Wahnsinnige, dass ihr mir diesen bringt?

David wäre also in guter Gesellschaft. An Wahnsinnigen mangelt es nicht bei Hofe. Aber er ist nicht willkommen. Und so macht er sich wieder auf den Weg.

Und bei einer Rast setzt er sich hin und schreibt ein Lied. Und darin heißt es: Suche Frieden, und jage ihm nach. (Die Bibel, Psalm 34, Vers 1 und 15) Dieser Satz ist für viele Menschen das Motto für das Jahr 2019, die sogenannte Jahreslosung.

Verrückt. Da hat David doch gerade noch selber gelogen und getrickst, hat Städte erobert und Völker ausradiert und nun schreibt er einen Friedenstext. Ist er tatsächlich wahnsinnig geworden?

Ich glaube: Frieden ist gar nicht anders möglich als mit einer gewissen Portion Wahnsinn. Der Clown in mir ist viel friedvoller als der Vernunftmensch.

Morgen erinnern wir uns an den Wahnsinn des Naziregimes, insbesondere an die Ermordeten der Konzentrationslager. Für manche Menschen ist das nur ein Vogelschiss auf der Deutschen Geschichte. Dieser Art Wahnsinn kann man nicht mit Vernunft begegnen. Vielleicht aber mag es helfen, wenn wir auch verrückt werden. 2019 könnte das Jahr werden, in dem wir den Clown in uns entdecken. So fangen wir den Frieden.

Andreas Behr, Pastor und Dozent für Konfi-Arbeit am Religionspädagogischen Institut Loccum

Liebe Leserin, lieber Leser,

alle Jahre wieder: Im Januar platzt das Fitness-Studio aus allen Nähten. Der Parkplatz voll, Geräte und Kurse gut ausgelastet – die guten Vorsätze zeigen Auswirkungen! Denn für eine bessere Haltung oder ein reduziertes Körpergewicht sind viele Maßnahmen nötig: Weniger essen, schweißtreibende Aktivitäten. Aber um des Zieles willen nehmen wir das auf uns – wenigstens bis März. Dann kehrt der alte Trott zurück. Hängt es also am Ziel, was ich bereit bin, mittel- und langfristig zu investieren?

Was ist das Ziel Ihres Lebens? Mit fortschreitendem Alter merke ich, dass die Ziele übersichtlicher werden. Was ich bis jetzt beruflich nicht erreicht habe, werde ich nicht mehr erreichen. Es gibt erste Anzeichen dafür, dass auch bei mir Gesundheit ein vergängliches Gut ist. Und bei nüchterner Betrachtung stelle ich fest, dass deutlich mehr Leben hinter als vor mir liegt. Was ist das Ziel meines Lebens?

Die Offenbarung des Johannes stellt uns ein faszinierendes Bild vor Augen: Ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.

Das sind gute Aussichten. Die Verheißung eines Lebens, in dem all das, was Leben und Glauben oft schwer macht, keinen Platz mehr hat. Zu einem solchen Leben lädt uns Christus ein. Wer ihm vertraut und so lebt, wie er es uns vor Augen gemalt hat, der soll Platz haben in dieser neuen Welt.

Ein guter Freund von mir hat sich für dieses Jahr vorgenommen, jeden Tag in der Bibel zu lesen. Er ist nicht auffallend fromm, aber am Glauben interessiert. „Ich lese jeden Tag etwas fett Gedrucktes – und dann nehme ich mir fünf Minuten Zeit um darüber nachzudenken und mich zu fragen, ob das etwas mit meinem Leben zu tun hat und zu welchen Handlungen es mich antreibt.“ Der Einsatz ist übersichtlich: Ein paar Minuten jeden Tag. Und die Ausdauer sollte mindestens genauso gut sein wie bei der Pflege unserer irdischen Hülle. Das Ziel – das sollte überzeugen. Das Leben!

Ich wünsche Ihnen gesegnete Wege im neuen Jahr – behalten Sie Ihr Ziel im Auge!

Ihr

Hans-Joachim Lenke, Vorstandssprecher Diakonisches Werk evangelischer Kirchen in Niedersachsen

Am Anfang eines neuen Jahres ticken die Uhren scheinbar anders. Irgendwie ein bisschen langsamer. Zumindest für mich. Es ist ein Innehalten.

Ich hatte das große Glück Urlaub zu haben. Das tat gut. Das sind die viel zu seltenen Momente, wo die Zeit stillzustehen scheint. Da denke ich gerne an das vergangene Jahr zurück.

Zugleich denke ich aber auch an das beginnende Jahr. Womit wird sich die Zeit füllen, die sich vor mir auftut? Womit lohnt es sich, den Kalender zu füllen? Pläne gibt es viele. Die Urlaubstage für dieses Jahr sind mit meinem Chef und den Kollegen bereits abgestimmt. Und wichtige Geburtstage und Ereignisse stehen ohnehin schon darin. Bei Jahresbeginn nehme ich mir die Zeit abzuwägen, wofür ich meine Zeit im neuen Jahr hergebe und wofür besser nicht. Später im Jahr nehme ich mir seltsamerweise kaum die Zeit für solche Gedanken, sondern mache einfach. Dann läuft mir die Zeit oft etwas davon.

Der Jahresanfang ist so etwas wie eine Sitzbank auf einem Weg. Einen kleinen Moment Pause, dann geht es mit neuer Kraft weiter. Mit viel Kraft aus dem Weihnachtsfest, was noch gar nicht allzu lang hinter mir liegt. Da habe ich es wieder gehört, ich darf die Gewissheit haben, dass Gott ganz nahe ist. Er will mich mitten im Trubel des Alltags immer wieder merken lassen, dass er da ist. Er ist es, der mir immer wieder Grund zur echten Freude und Gelassenheit geben will.

Mir fallen dazu Worte aus einem Gedicht von Wolfgang Poeplau ein. Gelesen habe ich es im letzten Adventskalender „Andere Zeiten“:

„Alles ist gut -

wenn das Notwendige getan

und das Überflüssige verworfen,

wenn das Zuviel verschenkt

und das Zuwenig verschmerzt ist,

wenn alle Irrtümer aufgebraucht sind,

kann das Fest des Lebens beginnen.“

Das ist wohl wahr. Wenn ich in meinem Kopf und in meiner Seele quasi aufgeräumt habe, dann bin ich bereit für das, was mir das neue Jahr bringen mag. Möge das Fest 2019 beginnen.

Karin Puy,  Lektorin in der Kirchengemeinde Luthe

 

Friede ist etwas Schönes. Und noch mehr als das: Friede und die damit verbundene Unversehrtheit ist ein Grundbedürfnis des Menschen. Jeder Mensch wünscht sich Frieden – in jeder Größenordnung: Ob zwischen Völkern, Religionen oder auch zwischen Nachbarn und in den Familien. Und auch, wenn wir uns den Frieden herbeisehnen, ist er doch in unserer Realität nicht immer, was unser Ego verlangt. Denn der Friede zwischen mehreren Parteien basiert auf einem Kompromiss und das erfordert Zugeständnisse. Während es beim Konsens um Übereinstimmung geht, gibt beim Kompromiss jeder etwas auf. Und so muss beim Frieden jeder etwas aufgeben. Sind wir immer dazu bereit?

Wir können immer wieder merken, wie der künstliche Friede uns unglücklich macht – zu Weihnachten zum Beispiel. Ein Freund berichtete mir, wie furchtbar der zweite Weihnachtsfeiertag war mit einem enormen Streit mit einem schizophrenen Schwager. Da gibt es das Bedürfnis, zu Weihnachten „gemütlich zu sein“ und es gibt keinen Frieden. Ist das schlimm?

Die Jahreslosung, die uns durch das Jahr 2019 begleiten soll, steht im Psalm 34 und lautet „Suche Frieden und jage ihm nach!“ Zuerst dachte ich, dass das ein toller Begleiter ist. Aber dann kam die Frage: Will ich den Friede jagen, so wie ich den Begriff jagen verstehe? Was passiert, wenn ich ihn gejagt habe? Wer auf die Jagd geht, erlegt meistens auch. Und das hat mit Frieden so gar nichts zu tun.

Suche den Frieden – das mache ich sehr gerne. Aber um jeden Preis? Ist es nicht manchmal besser, auch Konflikte auszutragen, das, was der Volksmund das „reinigende Gewitter“ nennt? Man kann streiten: enthusiastisch und emotional. Und sich vertragen, weil ich meine(n) Gegenüber wertschätze. So kann ein Streit zum Friedensuchen beitragen, wie auch unser Bundespräsident in der Weihnachtsansprache sagte: „Sprechen Sie mit Menschen, die nicht ihrer Meinung sind.“ Das weitet den Horizont und schafft Verständnis; das Verständnis führt zu Frieden. Ohne Jagd, sondern ganz unaufgeregt und gut für die Seele. Ein menschliches Grundbedürfnis.

Prädikant Jörg Mecke, Idensen