„Wer wenig denkt, irrt viel.“ - 4.5.19

Überrascht war ich, wer diesen Satz gesagt hat. Das war kein Schriftsteller oder berühmter Kirchenvater, überhaupt niemand, der uns über Sprache bekannt ist. Leonardo da Vinci hat diesen Satz gesagt. Sein Todestag hat sich gerade am 2. Mai zum 500. Mal gejährt. Leonardo da Vinci - da denke ich an Bilder und Farben, an Stille im Museum - kaum an Worte. Und doch: diese fünf Worte haben es in sich: „Wer wenig denkt, irrt viel“. Ich denke über diese Worte von ihm nach - 500 Jahre später und in einer Zeit, in der es unendlich viele geschriebene Worte gibt und in der Kommunikation über neue Medien ganz anders läuft als es sich Leonardi da Vinci in seiner Zeit wohl jemals hätte vorstellen können. Eigentlich erwarte ich von einem Maler kaum gesprochenes Wort. Und doch - wenn ich darüber nachdenke - scheint mit dieser Satz sehr gut zu einem Maler zu passen. Ich stelle mir jedenfalls vor, dass ein Maler während der vielen Stunden, in denen die Idee für ein Kunstwerk entsteht, die ersten Studien erstellt werden und schließlich das eigentliche Bild entsteht, viel Zeit zum Denken hat. Und diese Gedanken teilt der Maler uns in seiner Sprache der Farben und Formen mit.

Sein berühmtestes Bild - von dem er sich übrigens zu Lebzeiten nie getrennt hat - ist die Mona Lisa, die auch heutzutage täglich von unzähligen Menschen angesehen wird. In besonderer Weise hat Leonardo da Vinci hier die Augen gemalt. Mir zeigt dieser Blick auch: erstmal werde ich gesehen und erstmal kann ich schauen - ganz still, ohne gleich ein Wort zu sagen. Natürlich sagt ein Blick manchmal mehr als tausend Worte. Aber ein Blick kann auch zunächst abwartend, geduldig sein, den anderen Menschen ankommen lassen bevor es ins Zwiegespräch geht. Ein Blick kann auch zeigen: ich schaue erstmal, ich denke erstmal - bevor ich rede. Erst Denken, dann reden. Das ist ein guter Ratschlag - gerade in unserer Zeit, in der follower ohne großes Nachdenken den Daumen heben und Twitternachrichten sich über die ganze Welt verbreiten, bevor der Wahrheitsgehalt geprüft worden ist.

„Wer wenig denkt, irrt viel.“ Der Satz enthält in seiner Schlichtheit eine große Lebensweisheit. Denken braucht Zeit. Denken braucht auch fundierte Information, gute Kenntnisse, Wissen, Hören, Lesen,  Ruhe, Raum. Denken kann auch gut gelingen, wenn ein Team sich austauscht, Argumente abwägt, von verschiedenen Seiten ein Problem betrachtet, um zu einer guten, konstruktiven Lösung zu gelangen. Erst hören, wahrnehmen, genau hinsehen und die Folgen abwägen, dann handeln. Erst denken, dann reden. Und viel denken, um wenig zu irren - was für eine gute Empfehlung über die Jahrhunderte hinweg!   

Der Gottesdienst am Sonntag bietet Zeit, Stille, einen besonderen Raum und Gottes Wort, um unser Denken immer wieder neu anzustoßen und auszurichten.

In diesem Sinne wünsche ich einen gesegneten Sonntag

Christa Hafermann, stellvertretende Superintendentin im Kirchenkreis Neustadt-Wunstorf und Pastorin in der ev.-luth. Kirchengemeinde Kolenfeld